• Christian Hain

Berlin Art Week, "BAW '22": A Short Tour in too Many Words


(Berlin.) Dieses Jahr konnte die Berlin Art Week, kurz „BAW", das wohl wichtigste Event der hiesigen Kunstszene vor dem „BGW", dem Berlin Gallery Weekend, endlich wieder ohne Einschränkungen stattfinden. Vorab lud man Medienvertreter zur Bustour an ausgewählte Spielorte und ermöglichte damit einen mehr oder minder repräsentativen Überblick wenngleich keine Berichterstattung der Menge an Ausstellungen im Rahmen dieser konzertierten Marketingaktion von Museen, Galerien, Vereinen und Projekträumen - darüberhinaus ersetzt die „Positions", frühere Begleitshow ernstzunehmenderer Kunstmessen jene jetzt im offiziellen Programm - gerecht werden könnte. Wir möchten hier daher voranstellen, daß das mit viel Herzblut aller Beteiligten organisierte Festival für (fast) alle Geschmäcker etwas zu bieten hat, uns im folgenden dann damit begnügen, das Tierhaar in der veganen Suppe, respektive den Öltropfen in der Elektrobatterie zu suchen.


Neu war in diesem Jahr die „zentrale" (gut, eher „jott-we-de") Anlaufstelle im Gesundbrunnen-Kiez, einem östlichen Ausläufer des Weddings. Für die dortigen Uferhallen (nicht: „ufa"!) stand die gleichnamige (ohne „hallen"!) Straße Namenspate, über die Identität des fraglichen Gewässers klärt allerdings erst das Handy auf: irgendwo verläuft hier der Pankekanal. Ehemals beherbergten sie ein Werk der Berliner Verkehrsbetriebe BVG - sollten Sie für die Kunst von außerhalb angereist sein, rätselten Sie womöglich, warum die zur Vermummung gemahnenden Aufkleber nur an Bussen und S-, nicht aber U-Bahnen prangen, das ist tatsächlich erst seit Anfang Juli der Fall, ob dem aber auch entsprechend unterschiedliche Regelungen zugrundeliegen, ist uns Ortsansässigen mit Berliner Schnoze gesprochen „eh' schnuppe": man hat das alles hier nie so ernst genommen wie im Bundestagsviertel und dem Rest der Republik - und heute eine Schwadron Künstler mit ihren Werken. Wie wir alsbald merkten, ist man auch im übertragenem Sinne „nah am Wasser gebaut" und in der Kunst findet sich natürlich generell manche*r*s vom anderen - gut, lassen wir das.


Nachdem Besitzanteile zwischenzeitlich als blockchainartige Spuren ihrer Eigentümer mit sich tragende „Kunstaktien" gehandelt wurden, befindet sich das Areal heute im Besitz einer Investorengemeinschaft, an der u.a. ein kunstinteressiertes Berliner Bruderpaar das beruflich „in Mode macht", beteiligt ist. In Newspeak-Schluckaufsprache hören wir von Problemen und ungesicherter*sie Zukunft der*die KünstlerINNen, konkreten Bebauungsplänen gar und zwar, schockschwerenot: nicht für Plattenbauten mit staatlich diktierter Einheitsmiete, sondern menschenwürdige Individualbehausungen freier Bürger! (Alles fließt den Bach 'runter, von Industrie zu Kunst zu Wohnraum für die stetig wachsende Menschenmasse.)

Draußen vor der Tür stehen ein Café, ein auch zur Installation taugender Briefkastenschuppen, eine trockengelegte Holzmortoryacht (nein, liebe Kunstsammler: keine „echte" Riva!) und die ersten Werke einer BAW-Ausstellung: zwei limerickige Reimcollagen Union- nein, natürlich: Hert(ohne „h")a Müllers als Menetekel an der Wand, ein überdimensonierter*e*s und in die*der Realwelt trans(!)ferierte*s*r Flammenemoji*in, der*die*das im wahren Chatleben „hot stuff" (LHOOQ?) bezeichnet: „sh-t's lit", i.e. „cool", darin aber die Realität verzerrt, denn echte Flammen verzehren ganz uncool. Ein wohl nicht zufällig an Gerhard Richter gemahnender Fliegenvorhang in Regenbogenfarben soll, wie wir hören, mindestens symbolisch unerwünschte Besucher abhalten (Ungeziefer, Makler, die Welt draußen - mit Ausnahme von Sammlern und Galeristen beim Atelierbesuch?), wessenungeachtet wir den Schritt über die Schwelle wagen. Leider konterkariert man drinnen sein*ihr - zweifelsohne berechtigtes! - Anliegen.


Die Haupt-Uferhalle ist riesig, wirkt aber leer, der ganze Platz, den die*der Künstler augenscheinlich gar nicht brauchen, verschenkt. Das wirkt wie eine Kunstmesse zu Zeiten Coronas ausgesehen hätte: mit viel Abstand. Einerseits wird man nicht müde, zu lamentieren, die Zukunft des Standortes sei trotz aller im Vorjahr gemachter Zusagen, als in der Politik ordentlich vom Leder(er) gezogen wurde, beileibe nicht gesichert, andererseits bleibt man den Beweis schuldig, auf diesen Lebens- und Arbeitsraum wirklich angewiesen zu sein, bzw. ihn überhaupt nutzen zu können. Ganz ehrlich: Das ist keine kuratorische Glanzleistung.

Wenn es das Anliegen der hier lebenden(? oder bloß schaffenden?) Künstler ist, um Hilfe und (finanzielle) Unterstützung zu rufen, schiene es dann nicht zweckmäßig, ein Event wie die Berlin Art Week zu nutzen, aller Welt zu beweisen, wie sehr man die voluminöse Halle benötigt, indem man sie mit Werken nur so „zuknallt", seine überbordene Kreativität beweist - mit einem Monumentalwerk gar, das überhaupt nur hier Platz finden kann oder wenigstens einer in situ Installation, die irgendwie noch die Historie des Ortes aufnimmt? Mithin eine Ausstellung auf die Beine stellt, von der die Stadt spricht und weiß, „na, dit könnse ja nur da machen"?

Das stattdessen gezeigte ließe sich auch auf grob geschätzten 100 Quadratmetern unterbringen. Mehr brauchen sie*er also nicht... sollte es nur um Besitzstandwahrung gehen, denn wer einmal im Palast gelebt und geschaffen hat, der möchte nicht wieder in die Dienstbotenkammer zurück? Ganz so einfach ist es natürlich nicht und manches Kunstwerk hier weiß für sich genommen auch zu überzeugen, ein Geldkreislauf in Form einer Modelleisen-/Carrerabahn zum Beispiel, geschlossenes System von Förderbändern, die Kleingeld hin und her im Umlauf halten (der Leser möge den Verzicht auf Identifikation aller urhebenden Künstler verzeihen, aber es gab wieder einmal keine Label neben den Werken, nur irgendwo einen unübersichtlichen 2D-Plan), auch „LIBERTY" Buchstaben frei nach Robert Indiana e.a. jedoch mit Taubenschutzstacheln versehen, man igelt sich gerne ein: das liegt in der menschlichen Natur, oder drei Bildschirme mit - 'tschuldigung: eine „Dreikanal-Videoinstallation" - mit zusammengeschnittenen Spielfilmszenen von Menschen*innen und gelegentlich anderen Lebewesen*innen in der Badewanne, wie Christian Marclay ohne Uhr (von den erwähnten Existenzängsten hier auf eine Furcht sich als revolutionär gerierender Künstler vor dem Ende à la Marat im Bade zu schließen, wäre wohl zuviel verlangt). Auf ebay ersteigerte phantasievolle Hunde*innenhütten (der Künstler entblödete sich nicht, von „Bedürfnissen der Nutzer und Nutzerinnen" zu sprechen und meinte das nicht im Spaß, noch bezog er sich auf obskure Fetischspielchen) künden von Projektionen und Wohn(t)räumen der urhebenden Heimwerker. Anzunehmen ist, daß die Hütten in jedem dieser Fä*elle ungebraucht zur Versteigerung kamen weil die betroffenen Vierbeiner - nein, das würde natürlich dreibeinigte Hunde*innen ausschließen, also besser „potentiell bellenden, so sie sich denn nicht aus diversen Gründe still verhalten" - keinen Eigenbedarf sahen, sondern sich weiterhin mit den ihnen narturrechtmäßig zustehenden zwei Dritteln von Sofa und Bett zufrieden gaben, wie sich das in einem anständigen Multispezieshaushalt gehört. Wie gesagt: Nicht wirklich schlechte Kunst!

Immer wieder aber gleitet der Blick die Wände hinauf, entlang verkrusteter Industriewaschbecken und Überbleibseln von Lastkränen oder Hebebühnen, fühlt der Besucher sich in eine Architekturausstellung versetzt. Manch einer mag da dieser BAW-Tage angefangen haben, zu träumen, „hier packen wa dit Heimkino hin, und da ne Whirlpool...", von einem Loft, an dem bestimmt auch mancher Großkünstler Interesse hätte. Das bißchen Kunst störte gar nicht, fast wie Buchattrappen bei IKEA. Fazit: da kann man was draus machen!


Weiter ging es an unter mindestens dreilagigen Graphitti versteckten und eigentlich ganz aparten Altbauten vorbei - die Einschußlöcher der zur örtlichen Folklore zählenden Drive By Shootings fallen aus der Ferne gar nicht auf - sowie zahlreichen derzeit in Berlin virulenten Plakaten einer Endzeitsekte („The End is Near", bzw. „Es ist nicht zu spät!!1!") zwischen denen urplötzlich das einsame Reklameschild für eine „Kommunale Galerie Kunstwoche 2.-11.9." in's Auge fällt. Bitte wie? Bitte was? ...Wer? Und - warum? Merke: auch Kommunalbeamte müssen täglich auf's neue die Existenzberechtigung ihrer Kostenstelle nachweisen. Fashion Week war übrigens ooch grad mal wieder.


Am nächsten Halt Schinkelpavillon erwartete uns Jon Rafman mit Videoanimationsarbeiten. Im Hauptwerk begleiten wir des Künstlers alter ego slash Avatar auf der Quest, ein Computerspiel aus seiner Kindheit wiederzufinden, das spurlos aus der Welt - und das bezieht sich heutzutage auf die virtuelle in Form von Suchmaschinen, Foren, antisozialen Netzwerken etc. - getilgt wurde. Mandela-Effekt oder Cancel Culture? Aber letztere unterstützt und befördert man doch in der stets aufrecht und „einzig richtig" denkenden Kunst- und Propagandaszene nach Leibeskräften?!

Was aus „Punctured Sky" wurde, erfahren wir in einem Schlauchlevel statt einer Open World Umgebung, gescriptet wie billige Detektivromane seit Jahrhunderten da der Protagonist von einem Indiz zum anderen eilt, worauf ein Frustrationserlebnis folgt und direkt wieder - Cliffhanger zum nächsten Kapitel - eine neue Spur. Das kann amüsant sein aber auch eintönig, hat man das Spielchen erst einmal durchschaut. Der Betrachter mag sich dazu in klebrige Gummisessel versenken, es aber auch bleiben lassen. Ein wenig mögen die Filmfiguren irritieren, die fast sämtlich - höhö: Verfremdungseffekt! - mit Schweinsnase und -ohren ausgestattet sind, auch ein Charakter namens „Joey Bernstein". Uh-oh, da spürt jetzt hoffentlich niemand Documenta Vibes! Aber bitte: im Gegensatz zu dort wären Proteste hier fehl am Platz, die Kunst ist auch besser am Schinkel. Generell gesprochen findet sich viel Schweinkram im Netz und wahrscheinlich wollte Rafman nur darauf hinaus. Vom Darknet folgen wir ihm nach Los Santos (GTA5) und die Schlußpointe ist überraschend selbstreflexiv und gar -kritisch. Merke: die Phantasie spielt immer noch die besten Spiele.


Nebenan im Dungeon, Schinkels gekacheltem Horrorfilmset, wird es zur Eröffnung gedrängt zugegangen sein - schon wir paar Handvoll Journalisten und Blogger brachten die Räumlichkeiten an ihre Kapazitätsgrenze, die hier gezeigten Animationsclips laden allerdings kaum zum Verweilen ein, derweil die Schwedin Anna Uddenberg im Obergeschoß eine Sammlung futuristisch anmutender gynäkologischer Stühle plaziert hat. (Darauf sollen wohl - vollständig bekleidete - Figuren projiziert werden, den Teil habe ich aber versäumt und in der späteren Lektüre nicht verstanden.) Für uns geriet der Aufenthalt länger als geplant, da der Busfahrer nach der ersten Etappe verkündet hatte, eine zweistündige Ruhepause einlegen zu müssen, möglicherweise war er zuvor bereits für andere Events im Einsatz... Organisation auf der einen, Bürokratie auf der anderen Seite, da mußte man schon wieder an gewisse Berlindeutsche Klischees denken, aber sei's drum, Taxen machen auch mehr her und so ging es VIP-standesgemäß weiter zum Kindl Zentrum für Mona Hatoum und ein orientalisches Mittagsmahl.

Das dort für Großinstallationen genutzte „Kesselhaus" bietet nur einen Bruchteil des Platzes der Uferhalle, zeigt jener aber, wie man es hätte machen sollen: Ein hohler und mindestens zehn Meter hoher auf den ersten Blick festinstallierter Riesenbauklotz beginnt unvermittelt, sich neuzugestalten - Transformer oder Formwandler?, hängt an Stahlseilen und wird von einem menschliche Marionettenspieler emulierenden Computerprogramm gesteuert. Aller Technik zum Trotz bleibt das im Detail unpräzise: Bei jedem Innehalten offenbaren sich Knicke im Gebälk, nicht vollkommen gerade Linien sondern gebrochene Symmetrie und auch die auf den Boden geworfenen Schattenspiele faszinieren - das ist großartig!


Am Martin Gropius Bau, wo wir wieder ganz plebejisch mit dem Bus vorfuhren, hatte man eben erst mit dem Aufbau von YOYI begonnen (nein, weder „Yo!" noch „yolo" oder gar „Yoni", sondern ein Wort aus der Sprache irgendeines urtümlichen Naturvölkchens, weshalb man intern über potentielle „kulturelle Appropriation" stritt - darunter versteht man, i.e. dumme Menschen*innen, heutzutage z.B. europäische Köche sonder Migrationshindergrund, die Thairestaurants eröffnen, nicht aber türkische Pizzeriabetreiber und auch Lang Lang darf - zum Glück! - noch ureuropäische Musik spielen, während umgekehrt die Langnasen sich kaum mehr einem fremden Instrument nähern können). „YOYOI - care, repair, heal" also, klingt nach Shampooreklame, thematisiert aber im weitesten Sinne - Gesundheit! Wie bitte? Nein, Test war negativ. Ach so, physische, psychische und selbst die „Gesundheit" der Umwelt, also des Planeten (der im übrigen auch ganz gut ohne uns klarkommt und das immer wird - Vorschlag zur Abhilfe menschlicher Überbevölkerung als ultima causa so vieler Probleme: Livestreaming von Wildfestspielen in neuen, klimaneutral errichteten Collossei unter Beteiligung von Veganern und bis anhin vegan gefütterten Löwen*innen). Es geht wohl wieder einmal mehr um Demagogie denn um Kunst, bzw. letztere nur als publikumsträchtiges (really?) Marketingvehikel behandelt. Auf von einer imaginär hier durchgezogenen Demo stehengelassenen Schildern lesen wir Slogans, „Unterschiede sind willkommen, nicht unterdrückt" (na ja, nur nennen darf man sie nicht, unterscheiden, im Fremdwort also diskriminieren: in allgemeiner Gleichschaltung unter einem Banner wird aus vielen eines, eine einzige Zielgruppe nämlich), „I wanted to say something and had to whisper" (gerade für diese politische Richtung gilt das eindeutig nicht). Dazu Wellblechhütten der Aborigine-Künstlerin Yhonnie Scarce, die in gewisser Weise selbst vollkolonialisiert, assimiliert: westernisiert mit Diplom einer Kunsthochschule kritische Werke für den globalen Konsum produziert, in vorliegendem Falle über Nukleartests im Outback, eine humorvolle (-> Transkription kreolischer Umgangssprache) Multimediainstallation eines haitianischen Kollektivs und eine Palmhütte mit Videos einer afrikanischen Künstlerin, die sich mittlerweile entschieden hat, die Kunst an den Nagel zu hängen und fürderhin nur ihren Garten zu bestellen.


An der Straßenecke hängt ein offenbar von einer Werbeagentur professionell gestaltetes Plakat, „die Ukrainer*innen kämpfen für das Recht, nicht im Konzentrationslager leben zu müssen, wofür kämpfst du?", das erstens den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen dürfte, und zweitens in seiner perfiden Dummheit kaum zu ertragen wäre, hätte man nicht kurz zuvor noch am Kindl das Graffitti erspäht, „Kalt duschen für den Sieg". Gleich, ob Sie nun an einen russischen Eroberungsfeldzug à la Genghis Khan, Napoleon, Bush/Blair etc. glauben oder die nicht minder legitime Meinung vertreten, Rußland verteidige die Unabhängigkeit und Neutralität der Ukraine gegen deren Eingliederung in's US-Imperium, faßt jener Spruch die Situation doch recht treffend zusammen: Wenn zwei (oder mehr) sich streiten, friert der dritte, den das alles eigentlich gar nicht angeht und immer wieder der Wille zur Macht.

Als der Bus die neueste Neue Nationalgalerie am Landwehrkanal ansteuerte, grübelte der Verfasser dieser Zeilen einmal mehr, ob jene nun eigentlich eröffnet sei oder nicht? Offiziell natürlich „ja", seit ein oder zwei Jahren schon, bloß erspäht man in dem gigantischen Aquarium niemals irgendwelche Spuren von Kunst oder Besuchern, allein manche Treppe scheint in einen Bunker hinabzuführen. Auch heute blieben wir beim Franzosen Adrien Missika und seinem mobilen Museum auf dem Fahrrad draußen stehen. Damit fährt er kreuz und quer durch Berlin und bringt originale Fluxuswerke nicht zum Kunden sondern dem Normalo (kennt hier eigentlich jemand Iwan Moudow, Bulgare mit Pariser Galerie, und sein zusammengestohlenes Museum im Schrankkoffer?). Im Auto könnte Missika noch viel mehr Werke unterbringen, allerdings wäre das kaum zeitgemäß und die Trinkflasche im Cupholder auch weniger auffällig, ein Werk Joseph Beuys aus 1982 befüllt mit unreinem Rheinwein, i.e. -wasser, das in allen Regenbogenfarben schillert und niemals genießbar war (bei der Tour de France allerdings... intravenös?). Ein Photo zeigt den Künstler mit Banner „I'm doing nothing" irgendwo auf einer Berliner Bank sitzen, das tut er regelmäßig - ob ihm gelegentlich jemand eine Illustrierte reicht? Das ganze ist courtesy of ifa und - nein! nicht die IFA, die Internationale Funkausstellung, die doch auch immer irgendwann im Berliner Herbst stattfand, sondern das geringfügig weniger populäre „Institut für Auslandsbeziehungen", einer der unzählbaren Berliner Projekträume.


Zum Abschluß gab es noch ein bißchen Agitprop vor dem HAU („ham die nen Hau?" Nein, das „Hebbel am Ufer" ist eigentlich ein Theater). „Technical Tags", nein „Tax", nein „Tactical Tech" ist gemäß Eigendefinition kein Künstlerkollektiv, sondern eine NGO, also eine Lobbyistengruppe. Unter weißem, wandlosem, Stoffdach (auf Nachfrage einer Kollegin gab man zu, Graffitti Tags zu fürchten) - das erinnert an ein Nomadenzelt, einen Atompilz oder Heißluftballon/Zeppelin (die Hindenburg?) - geht es unter dem Motto „Everything will be fine" und man bezweifelt, daß die nord- und südamerikanischen Urheber hier bewußt „La Haine" zitieren wollten („jusqu'ici tout va bien"...) um „die Probleme dieser Zeit": Erkältungswelle, Wetterwechsel, usw., die üblich verdächtigen Hashtags. Wir hören von „in der Coronazeit ganz selbstverständlich gebrauchten Technologien, ohne sich um den Datenschutz zu bekümmern" und „wie das weitergeht" Pssst: So selbstverständlich war das gar nicht und schon gar nicht unhinterfragt, nur haben es Mahner, Abweichler, Leugner, Ketzer niemals leicht, wo unbedingter Kollektivismus die nicht zuletzt betriebswirtschaftlich effiziente Einheitsmeinung durchdrückt.

Wie im Schulunterricht werden Thesen auf Schautafeln präsentiert und Umfragen gestartet, an denen Besucher sich mittels Drehregler an einer Art Abakus beteiligen können, analoge „like"- und „dislike"-Buttons. Wer hätte schon noch differenziertere Meinungen, die Statistik ist der Masse was dem Individuum das Argument war.


Es fehlten bei dieser BAW-Vorstellung die diversen Kunstvereine von nbk bis ngbk, die man eh' ständig verwechselt und auch an der Berlinischen Galerie beging man heuer wohl keine Eröffnung. Die Stoschek Collection ließ unser Bus einmal scharf links liegen, aufkommende Gerüchte, die Sammlerin möge sich nur noch auf die Heimat Düsseldorf konzentrieren, während der Berliner Standort bald den Weg des me gehen könnte, zerstreute ein eintrudelner Newsletter zumindest vorläufig: irgendetwas findet da schon noch zur BAW statt, wie fast überall in der Stadt.


Berlin Art Week, 12.-19. September 2022, alle Ausstellungen laufen für die üblichen vier bis sechs Wochen und länger

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