• Christian Hain

Seewerkchen in Tektonischer Zärtlichkeit: Nina Canells Tectonic Tender an der Berlinischen Galerie


(Berlin.) Pünktlich zum Berliner Galerienwochenende, das dieses Jahr wieder (fast) wie gewohnt stattfinden konnte, eröffnete die Berlinische Galerie eine Kleinausstellung mit Großinstallation der Schwedin Nina Canell. Der lange und enge Korridor hinter dem Ticketschalter ist nicht leicht zu bespielen, zumal Museumsgänger auf den oberen Etagen die Vogelperspektive auf alles genießen, das unten vonstatten geht. Angesichts dieses „Schlauchlevels" entschied sich Canell für eine Neuauflage der Frutti di Mare Platte Muscle Memory („Muskelgedächtnis") die sie erstmals im Vorjahr servierte (genauere Recherchen gestalten sich schwierig, schon 2019 gab sie einer Ausstellung denselben Titel). Unwillkürlich fragt man sich, ob bei der Namensgebung ein „Verhörer" involviert gewesen sein könnte und die Künstlerin ursprünglich von „Mussel Memory", also „Miesmuschelgedächtnis" sprach: Wir sehen einen überdimensionierten Sandkasten aus unverkleideten Stellwänden, mobile Paneele die in Farbgebung und Funktion entfernt an Schiffahrtscontainer erinnern. Gefüllt ist der entstandene Raum jedoch nicht mit Sand, sondern einem früheren Aggregatszustand: Muschelschalen, ganze sieben Tonnen. Nicht Fisch, nicht Fleisch also und das meiste tatsächlich Mies... -muschel, nicht van der Rohe und so geht es wohl auch dem Meer.


Einer Gesteinswüste gleich dominieren Grautöne und betritt der Besucher die Installation, zermalmt er nolens volens ihren Inhalt unter den Füßen, zerstört die Schöpfung mit seiner bloßen Präsenz. Dabei erfahren wir, daß keine Weichtiere nur für das Werk „leiden" mußten: Die Schalen stammen von einer Spezialfirma, die sich auf die Plünderung von Muschelfriedhöfen, vulgo des Meeresgrundes, spezialisiert hat und den Rohstoff gewöhnlich nicht an Künstler, sondern die Bauindustrie verkauft, welche ihn zu Zement (oder war's Beton?) weiterverarbeitet.

Des Kunstsammlers Kennerauge wird nicht lange brauchen, die vereinzelten Austerschalen zwischen viel plebejischeren Überresten zu erspähen, hier und da identifizierten wir gar profane Kieselsteine (das Kleingedruckte jenes Lieferanten warnt sicherlich, „kann Spuren anorganischen Materials enthalten"). (Mikro-?)Plastik und Ölklumpen wurden aber sorgfältig herausgefiltert. Eine Vielzahl von Eisenrohren, die nicht sämtlich technisch notwenig sein können, stützt und hält den „Sandkasten" in Position, verweist darüberhinaus optisch auf eine Schrottpresse, welche den Vernichtungsprozeß ungemein beschleunigen und auch vor dem menschlichen Zerstörer nicht haltmachen würde. Die baren Seitenwände sind mit allerlei technischen Informationen beschriftet, darunter der Name des Herstellers („de Konig", das ist nicht „de Kooning", noch die Galerie) und ein omnipräsentes „H" (zum Glück kein „Z"! An dieser Stelle sollten wir einmal abschweifen und unsere allerhöchste Anerkennung und Dankbarkeit an alle wackeren Juristen an der Heimatfront richten, die täglich abertausende Leben retten mit der heroischen und höchstrationalen Tilgung eines Buchstabens, so muß das sein: die dritte Gewalt stets unabhängiger Wächter statt Erfüllungsgehilfe der Politik) - besagte molluskophrage(?) Kunstsammler mögen sich an ein ähnliches Logo auf den Handtaschen ihrer Gefährtinnen erinnert fühlen.


In gewisser Weise funktioniert Muscle Memory auch als Soundinstallation, da die sukzessive Zerstörung des Werkes von Füßen seiner Bewunderer nicht in pietätvoller Stille abläuft, ganz im Gegenteil ist jeder Schritt noch aus der Ferne vernehmbar - sind das metaphorische Schmerzensschreie der See, lauter als Wal- und Schwanengesang? Führen wir eine Perlmuttscherbe zum Ohr, rauscht da allerdings nichts, noch riechen wir mehr.

Ein Museumsverantwortlicher zitiert menschliche Eingriffe in die Natur, die jene „daran hinder(t)en, sich selbst zu heilen", geht aber nicht näher darauf ein und wozu auch, „weiß", i.e. „fühlt" ein Jeder schließlich, was richtig und wichtig ist und vor allem, daß der Mensch stets nur als Eindringling und Zerstörer seiner Umwelt auftreten kann, was möglicherweise ein wenig zu simplizistisch gedacht sein könnte. Zum Glück aber, dies sei sogleich angemerkt, ist weder dieses Werk noch die komplette Ausstellung zu penetrant in ihrer Aussage, kein dumpfer Populismus wie es leider so oft der Fall ist beim Umweltschutz.


„We break stuff to make stuff", in etwa also „Wir machen kaputt und daraus neu", sagt die Künstlerin und ist das nicht oberstes Prinzip allen Lebens? Panta rhei, Samsara, alles fließt, alles Werden vergeht und ohne Tod wäre keine (Wieder-)Geburt in der Welt. Die Natur formte diese Muscheln, das ist wahr, nur sortierte sie sie dann auch wieder aus im nie endenden Experiment.

Während wir über Muscheln wandern, sind unsere Füße vor ihrem Verteidigungsmechanismus splitternder Härte geschützt, das Raubtier führt wieder einmal im Wettrüsten - dank unserer Technologie, in diesem Fall Schuhen aus (mehr oder minder) organischem Material. Seine Technik ist die Muschelschale, das Schneckenhaus und soviel mehr des Mängelwesens Mensch (A. Gehlen).


Zuguterletzt, wenn Sie unbedingt wollen (und natürlich tut das die Mehrheit heute): So manch zermalmte Muschelschalen mag, ganz „natürlich", Sand statt Beton werden während andere erhalten bleiben und nach Jahrmillionen aus Sandwüsten auftauchen wo einst ein Ozean war. Neue Wüsten wiederum entstehen, wenn sich das Wetter wieder ändert wie es das unzählige Male in der Erdgeschichte getan hat, da zugleich neue Regenwälder sprießen in heutigen Wüsten mit all der Biodiversität, die Warmzeiten zueigen ist, ganz im Gegensatz zu kälteren Epochen. Für den Menschen mag die Adaption schwierig werden, „Natur" aber ist alles, das auf diesem Planeten geschieht, sie wird überleben auch wenn sich ihr Gesicht ändert und bedarf keiner „Rettung". Nicht die Welt geht unter, nur ein spezifischer status quo vergeht, von menschlicher Zivilisation und ihrer Umwelt.


Beim Verlassen der Installation haften letzte Splitter an unseren Sohlen und brechen mit einem anderem Klang während wir uns den restlichen Werken widmen. Ein Film auf großer (sehr großer, auch die Rückseite ist beindruckend mit all der offenliegenden Technik!) zeigt eine wunderschöne - und leckere, nur mit ein wenig Knoblauch, man vertraue da den Franzosen - Schnecke über eine technische Installation kriechen, Gedärme eines Stromkasten oder ähnliches, und nein, das ist keine Zeitlupe, das ist ihr Lebenstempo. Schnitt auf denselben Hongkonger Wolkenkratzer mit Durchflugschneise für allfällige Drachen, den das amerikanisch/chinesische Kollektiv Wangshui auch einst filmisch dokumentierte und 2019 in seiner Ausstellung an der Berliner Stoschek Collection zeigte (er mag ein beliebtes Motiv auch vieler anderer Künstler sein). Ist es das, wovon kleine Schnecken träumen, daß ihnen Flügel wüchsen wie einem wahren Lindwurm - was wäre denn ein Drachen anderes als eine überdimensionierte geflügelte Nacktschnecke?! Das könnte zum Sinnbild der Menschheit taugen, von Schneckentempo zu High Tech und doch bleibt immer ein Weichtier in uns, zumindest solange wir uns unsere Drachen bewahren. Allem ultramodernem technischem Hokuspokus zum Trotz, hängt der Durchschnittschinese noch althergebrachten Wahr- und Weisheiten an, darunter neben mehr symbolisch gemeinter Rücksichtnahme auf Drachen auch Feng Shui Bautechniken. Ich bin mir nicht sicher, ob man das wirklich verspotten sollte, wie es wiederum besagter Museumsverantwortlicher zu tun schien, ist es nicht vielmehr erfrischend und ja: beruhigend, zu erfahren, daß Anwohner ein Sir Norman Foster gezeichnetes Hochhaus für umliegende Geschäftspleiten verantwortlich machen weil die Langnase eben jene Regeln mißachtete? Der Totalitarismus der Wissenschaft jedenfalls, die stets nur eine einzige, mathematische, „Wahrheit" für jedes „Problem" gelten läßt (der kritische Rationalismus war ein alter weißer Mann) ist unendlich langweilig und verödet Welt und Geist gleichermaßen. Was zählte am Ende schon „Wahrheit" im Singular statt menschlicher Kreativität (Newspeak: Verschwörungstheorien, Fake News, Überbau)?

...Nur wenn ein chinesischer Drache niest, sollte man mittlerweile wohl lieber laufen.


Der Film endet mit Aufnahmen einer einsamen Pflanze im Foyer eines Neubaus, kaum artgerecht in einen Kübel eingepfercht, mindestens in einem Sinne von Menschen geschaffen widersteht die jetzt, hält an diesem Leben fest (nebenbei: die Balkonpflanzen des Verfassers wurden gerade von zum Nestbau plündernden Spatzen kahlgeschoren und dabei mutmaßlich massakriert, er akzeptierte den Wandel und ließ sie gewähren). Rund um den Bildschim liegen abgeschnittene Stücke von Kabeln, die einmal zwanzigtausend Meilen unter dem Meer menschlicher Unterhaltung dienten, grob ähneln sie übergewichtigen Schnecken.

Canell sagt, sie nutze häufig gefundene Materialien in ihrer Arbeit und bezieht sich dabei nicht (wiewohl das sprachlogisch möglich wäre) auf Internet-Suchmaschinen oder Kataloge von Künstlerbedarfsläden. Zum wohl einzigen Beispiel hier notierten wir beim Eintritt knapp „geviertelter Todesstern, von Wasserbombe getroffen oder geplitterte Amphore mit rausgestreckter Zunge", inzwischen sieht das mehr nach Venusmuschelstück mit - ich bleibe dabei: geplatzter Wasserbombe aus, und diese Teile fand die Künstlerin tatsächlich am Strand bevor sie ihnen neues Leben in Collagen-Form gab.


Zurück zur Interpretation: Der Ausstellungstitel lautet Tectonic Tender, „Tektonische -" tja... Zuerst denken die meisten da wohl an das geläufige Adjektiv und im Kontext dieser Kunst eine zärtliche Haßliebe mit (tektonischen) Verwerfungen zwischen Mensch und Mutter Natur. - Man täusche sich nicht, die Gefühle sind reziprok: die Natur ist hinter dir her, wo nicht mit Löwen und Erdbeben, da mit Viren. Endlos autokannibalistisch, das nennt man den Kreislauf des Lebens.

Daneben aber reichen die Denotationen des Begriffs noch vom Versorgungsvehikel im Schiffs- und Eisenbahnwesen bis hin zum Bewahrer und Pfleger (auch in den verwandten Verben „to at/tend"), theoretisch gar der Natur („Bin ich meines Br- meiner Mutter Hüter?"). Paradoxerweise nehmen jene, die am lautesten „für die Natur" schreien, den Menschen implizit von ihr aus, überheben ihn aus dem Kreislauf wie einen Außerirdischen, der keine Rolle im hiesigen Ökosystem zu spielen hätte (Wissenschaft oder Liebe, wer abstrahiert, seziert, entfernt sich aus emotionaler Nähe). Selbst wenn es sehr modisch ist, die Rolle der Raubtiere als „Verwalter" herunterzuspielen, sollte Kunst nicht den Trends des Tages hinterherlaufen (davon abgesehen, stellt die menschliche Überpopulation selbst ein gewichtiges Problem dar und nicht einmal Kleinstlebewesen scheint es mehr zu gelingen, ihr nachhaltig abzuhelfen).


Wo wir gerade bei vorgefaßten Meinungen und Gleichklang sind: Natürlich bewahrt auch die Berlinische Galerie keine Neutralität und träte etwa mit der blauen Friedensflagge für solchen ein, sondern ergreift mit dem orange-blauen Banner, „Gewehr bei Fuß - Auf in den Atomkrieg!", Partei in einem Konflikt, der uns einerseits wenig angeht, den „wir" andererseits als NATO und Amerikaner gehörig provoziert haben (der Jäger, der sein Zelt vor der Bärenhöhle errichtet, sollte sich nicht wundern, stürmt jener blindwütig heraus). Es hat ja schon tragikomische Züge, wenn „wir", also „die Guten", zeitgleich einem winzigen Inselstaat mit „völkerrechtswidrigem Angriffskrieg" drohen (ruhig anklicken, keine obskure russische Verschwörerseite, sondern der ansonsten auch sehr kriegshetzerische Guardian), sollte der chinesische Drache dort Landeerlaubnis erhalten, sprich China eine Militärbasis errichten dürfen. Wo der Unterschied zu NATO- und EU-Osterweiterungen (in Einflußsphäre oder wörtlich) liegt, darf man kaum mehr fragen, ohne - ausgerechnet! - als Kriegstreiber zu gelten. Im pazifischen Kriegsfalle sollte Europa allerdings keine Waffen liefern, ebensowenig wie man Saddam Hussein belieferte oder nun den Komiker beliefern sollte (auch hier gilt im übrigen: die Ukraine geht nicht unter, sie braucht nicht „gerettet" zu werden, wenn sie bloß in andere Hände übergeht. Erinnern wir uns eines Fußballphilosophen: „Lebbe ged waida").


Wieder auf der Straße, verspüre ich einen fast schon vertrauten Eindruck, nur anders, und bemerke Ameisenkolonien unter meinen Füßen, die mit vereinten Kräften durch den Gehweg brechen, dabei Sanddünen aufschütten. Manche Ausstellung begleitet den Besucher noch, nachdem er sie verlassen hat.


Nina Canell, Tectonic Tender, 30. Apil-22. August 2022, Berlinische Galerie

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