Jenseits von Mitte, Jenseits von me

 

(Berlin.) Mit institutionellen Eröffnungen wohin man auch schaute warf das diesjährige Gallery Weekend Berlin seine Schatten schon Mitte April voraus. Anders als in den Vorjahren schienen Museen und Ausstellungshäuser das Wochenende selber zu scheuen, und das kam vielen Besuchern durchaus gelegen, blieb doch zumindest ein wenig mehr Zeit für den Gallerienmarathon. Der ein oder andere Kunsttourist hat natürlich auch ohne Eröffnungsfeierlichkeiten (die in Berlin immer auch die Tortur einer nichtendenwollenden Eröffnungsrede bedeuten) den Weg in jene Hallen gefunden. Eine davon ist das me in Mitte, in unmittelbarer Nachbarschaft zum KW, und dort hat man momentan ganz andere Sorgen, bewegt sich in Sphären jenseits des Kunstbetriebs, jenseits von Gut und Böse. Hier scheint nun zuerst die drängendste Frage angebracht: Gibt es Anlaß, sich um Thomas Olbricht zu sorgen, mes Macher, die Sammlerpersönlichkeit hinter dem Privartmuseum? 

Beyond/Jenseits ist dunkel, düster, trist, ganz auf die Endlichkeit dieser Existenz bezogen; eine Ausstellung ganz nach dem Geschmack der letzten Exemplare jener aussterbenden Gattungen Goth und Emo, die man vielleicht noch auf Safaris zu den hintersten Friedhöfen der Republik aufstöbern mag, verloren um eine abgebrannte schwarze Kerze gekauert, kennt man einen solchen, könnte man ihm mit einem Ausstellungsbesuch eine Freude mach- ach so, nein, gut, eher nicht.

 

Beyond/Jenseits ist keinesfalls geeignet, den unwirtlichen Berliner (Vor-)Frühling vergessen zu machen, da der Klimawandel einmal mehr dem Hype nicht gerecht wird (aber aber, wer wird denn gleich weinen, in Parlamenten und Kinderzimmern, das passiert den besten/schlimmsten Apokalypsevisionen, die Geschichte ist voll davon). Man kennt es zur Genüge: kaum verheißt der erste, noch ganz ausgezehrte Sonnenstrahl des Jahres auch nur die zarteste Ahnung fühlbarer Wärme, verstaut man die Wollpullover im Keller, tauscht sie gegen die stetig wachsende T-Shirt-Sammlung aus, da fröstelt man wieder regendurchweicht bei zehn Grad Celsius. Und dann, nur zum Aufwärmen!, öffnet man die (nächste) – im Falle eines Kunstsammlers bestimmt nicht – billige Flasche Roten und läßt die Gedanken schweifen..., „Ist es nicht unglaublich?, das Leben, Mann, alles, ein Tag und BUMM!, einfach alles, BUMM!, das war’s, Ende, Aus, Finito, Exitus, nicht fair, echt nicht fair (schluck)“ Wir waren alle dort, selbst Milliarden(/Multimillionen) schwere Kunstsammler. Natürlich können es sich nicht alle unter uns leisten, einen guten Teil ihrer Kunstsammlung solider Melancholie oder saisonaler Depression zu widmen (die wenigsten unter uns können sich eine Kunstsammlung leisten). Jene aber, die sich in der glücklichen Lage befinden, mögen dann die verwinkelten Gänge eines anderen ihrer Kunstsammlerpaläste abschreiten, Glas in der einen, Flasche in der anderen Hand, gedankenverloren alle Kostbarkeiten an den acht Meter hohen Wänden passieren, bevor sie, just in dem Moment da sie die Weinkeller erreichen, zu denen ihre Schritte sie ganz unbewußt geleitet haben, jäh von einer Idee getroffen werden, die aus dem Nichts, aus dem... Jenseits zu stammen scheint und begreifen: Das ist Ausstellungsmaterial! Am nächsten Morgen, mit einem unangenehmen Pochen im Hinterkopf gestraft, nimmt man dann eine Handvoll Aspirin zum Kaviar (den Ölsardinen des reichen Mannes) und läßt die knappe Ansage an den PA folgen: „Schau ma’, was unser Artbinder unter ‚Trauer’, ‚Dunkel’, ‚Tod’, ‚brutal’, ausspuckt.“

Natürlich habe ich keine Ahnung, ob es sich so oder ähnlich abgespielt hat, oder überhaupt vom ausschweifenden Alltag eines Kunstsammlers, und vielleicht, nein ganz sicher, kennt ein solcher jene Momente gar nicht, ist es doch niemals weit zum nächsten NetJet und den Ferienhäusern in sonnigeren Gefilden. Jedoch weiß ich mit Sicherheit, daß Beyond/Jenseits, die neuste Ausschnittspräsentation der unerschöpflichen Olbricht-Sammlung ihre düsteren Seiten ins Diesseits rückt, mit Memento Moris und Gemetzel im Überfluß.

 

Das Thema wird dabei durchaus unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet (/beschattet), die Werke im ersten Raum betonen (in Moll) nicht so sehr unergründbare Sphären jenseits der Nullinie, sondern weltliche Greuel, vergangene und heutige, sogar künftige. Zutreffender ist es, hier von Kunst jenseits der Grenzen des guten Geschmacks, und jenseits der Jugendfreiheit zu sprechen.

 

Alles beginnt (und endet später an derselben Tür) mit Francesco Goyas Los desastros de la guerra in achtzig Aquatint Radierungen von 1810 - und setzt sich fort mit weiteren achtzig Katastrophen des Krieges (man bemerke: selbst wenn “Greuel“ oder „Schrecken” die aus heutiger Sicht bessere Übersetzung scheinen, ginge damit der zwangsläufige, natürliche, Anklang der Geschehnisse verloren), wie Photonegative erscheinende “Remixe” jener, geschaffen von den Chapmans, 1999. Das Darknet des frühen 19. Jahrhunderts, grausam, blutig, furchtbar. Thomas Olbricht kann als treuer Fan der Chapmans gelten, bereitwillig berichtet der Sammler von der Zeit als ihm, da er sich just in den Vorbereitungen zur Eröffnung eines – dieses – Ausstellungsraumes in Berlin befand, ein später legendär gewordenes Werk der Künstler angeboten wurde, Hell/Hölle, er jedoch vor dem aufgerufenen Preis - der kleinstmöglichen siebenstelligen Summe (£) -, zurückschreckte und dem damals noch mächtigen Charles Saatchi, der sich von Peanuts nie beeindrucken ließ, den Vortritt ließ, wie das Werk einige Jahre später dann, in 2004, – und fast muß es schon als passend bezeichnet werden (wären die Chapmans für Performances bekannt, könnte man glatt mißtrauisch werden) – dem Inferno zum Opfer fiel, das eine der Londoner Lagerhallen der Sammlerlegende verheerte. Eine spätere Version landete im Besitz François Pinaults, der kürzlich Schlagzeilen machte, als er einhundert Millionen (€) für den Wiederaufbau einer abgebrannten Kirche in Paris stiftete (nur um sogleich von seiner ewigen Nemesis, Bernie Arnault, übertrumpft zu werden; und nein, die Brandursache war nicht ein im Bett rauchender Buckliger).

Olbricht erwarb andere Werke Jake und Dinos Chapmans, Skulpturen, Installationen, die wir hier und heute - „bewundern“ scheint nicht wirklich der passendste Begriff, sagen wir besser „betrachten“ - können. Das Brüderpaar hat sich offensichtlich jenes Huxley–Zitat zum Lebensmotto erkoren, „Vielleicht ist die Erde die Hölle eines anderen Planeten“. Beweisstück a) Eine blutige Goya-Szene in Skulptur übertragen, mit verrottenden, zerborstenen Menschenteilen über einen verrottenden, zerborstenen Baum gehängt, und nach dem Grad ihrer Verwesung zu urteilen, sollte nun bald wieder Friede herrschen, selbst wenn dies der 30-, oder gar 100jährige Krieg ist, aber vielleicht waren die Krähen nur besonders hungrig. Beweisstück b) Ein Schachbrett mit nackten, geschlechtslosen - von den phallischen Nasen einmal abgesehen - Kinderpuppen, eine Seite schwarz, die andere weiß (oder muß es „mit potentiell afrikanischem oder südindischem Migrationshintergrund“ heißen?). Dazu eine Kreuzigungsszene mit Ronald McDonald, einem BigMac-Räuber und einer dritten Figur, die ebenfalls einmal in einer McDo Werbekampagne aufgetreten sein mag, in den Rollen Jesu, Dismas’ und Gestas’. Der Chapmans letzten Beitrag bildet dann The Shape of Things to Come (Die Gestalt kommender Dinge), eine Art Terrarium bei dessen Anblick so mancher sich entzückt in die Kindheit zurückwünscht: „Geiiiiil - Spielzeugsoldaten!“, nähertretend jedoch schnell bemerkt, es bedarf tatsächlich eines kindlichen Gemüts, hiermit spielen zu wollen, sich hieran zu erfreuen, und doch genau weiß, wie begeistert jeder (heute natürlich: "jede.r") Zwölfjährige wäre, „voll krasses Gemetzel, ey!“ (nie vergessen: Jugendschutz besteht nicht, die Jugend zu schützen, sondern die Gesellschaft vor ihr, bzw. ihrer potentiellen Zukunft).

 

Der Ausstellung Mittelteil behandelt, was man "Jenseits des (Wach-) Bewußtseins" nennen könnte, die Einzelausstellung eines weiteren Olbricht-Protegés: Jonas Bungert. Manch ein Gemälde mag Ihnen vertraut vorkommen, und das Déjà Vu ist leicht aufgeklärt: Da war eine Ausstellung bei Blain∣Southern fast auf den Tag genau vor zwei Jahren, vielleicht bekam Herr Olbricht just im rechten Moment eine Steuererstattung überwiesen, oder war einfach in der Stimmung für eine ausgedehnte Shoppingtour (Frühjahrsdepression?). Kunstsammler sind auch nur Menschen, und was macht man mit einem neuen T-Shirt, neuen Sneakers, usw.? Richtig, man versteckt sie nicht im Schrank, sondern man trägt sie, zeigt sie den Freunden und am besten noch auf der Straße, damit alle sie bewundern – nein: an unserer Freude teilhaben können. 

Genaugenommen sind da auch noch andere Werke in der Kleinstretrospektive, entstanden im Verlauf der vergangenen vierzehn Jahre und nicht einmal alle im Besitz Olbrichts. Ihrer drei hatten den kürzesten Anfahrtsweg sämtlicher je hier gezeigten Stücke: der Nachbar aus dem Penthouse brauchte sie nur schnell vorbeizubringen (eher nicht eigenhändig, AXA-ART-Agenten erlitten sonst wohl multiple Herzinfarkte). Vielleicht hat man sich bei einem B∣S Dinner getroffen, „Mensch, du auch hier? Ist die Welt nicht klein?!“ Eine Hand wäscht die andere, und vielleicht gab es einen Jahresvorrat Haarpflegemittel für die Mühen. Auch der Künstler selbst steuerte noch Werke aus seinem Lager bei (wohin sie nicht unbedingt zurückkehren müssen, die Galerie muß nicht alles wissen).

 

Bungerts monumentale Alp-/Traumwelten wirken wie Dokumente vergessener Legenden, fremder Mythen und Märchen, eigenwillig und einzigartig, mit hohem Wiedererkennungswert, dabei sehr dekorativ – und nicht im schlechten Sinne! Stille, unbewegte Posen, Standbilder aus eines Schläfers Unter- oder einem schlafenden Bewußtsein, mit wiederkehrenden Elementen wie einer durchlöcherten Zielscheibe. Eine Protagonistin ist gar noch in Skulpturform vertreten, eine Riesin auf säulengleichen BeinenBungert fertigt selten Bilder in drei Dimensionen, hier aber finden wir gleich drei Beispiele. 

Der Künstler erwähnt Psychologie, Nachrichten aus dem (kollektiven?) Unbewußten und, vielleicht interessanter, daß er niemals Skizzen anfertigt, so durchgeplant und ausgeklügelt seine Werke auch wirken mögen – er malt einfach drauflos, läßt seinem Unbewußten alle Freiheit. Psychologisches, psychotisches, neusurrealistisches Chaos, mehr kontextlose Standbilder aus einem Stop Motion Film als tatsächlich narrativ.

 

Jenseits auch dieses Teils von Beyond/Jenseits darf man dann rätseln, was George Condos „Comic-Kubismus“ im Kontext zu suchen hat. Von einem Kreuzigungstriptychon, jenes der Chapmans zu spiegeln, einmal abgesehen, aber der Rest...? Jenseits einer bestimmten Preisschwelle? 

Die übrigen Werke werden dem Motto dafür vollauf gerecht, mit Memento Moris überall. Deren Mehrzahl verdankt ihre Existenz Kris Martin, den Thomas Olbricht sogar noch mehr schätzt als Condo, Bungert und die Chapmans – er ist mit sage und schreibe einundzwanzig Werken hier vertreten: Von Granatenblindgängern aus dem Ersten Weltkrieg, damals von den Kämpfern mit kunstvollen Schnitzereien verziert und zuhause als Andenken verkauft, heute von dem belgischen Künstler vergoldet, hin zu Goldbarren mit der Inschrift „1 Idiot“, über einen in einem ehemaligen Kloster ausgegrabenen und um Goldzähnchen ergänzten Totenschädel – ein Werk das durchaus pietätlos und voyeuristisch erscheinen mag, usw. usf. Kris Martin ist ein selbst- und sich auch der eigenen Vergänglichkeit bewußter Goldgräber.

Das Künstlerkollektiv FORT steuert auch ein paar Werke bei, darunter einen Spiegel mit der Aufschrift „The End“ – Man sehe und denke sich im/ins Jenseits und

zwischen diesen Teilen kann, wer möchte, noch den Umweg vorbei an tatsächlichen Stop Motion Videos von Nathalie Djurberg&Hans Berg, die Treppe hoch in mes Wunderkammer einschlagen, das Kuriositätenkabinett des Hauses bietet auch eine MM-fokussierte Präsentation, das ist aber nichts außergewöhnliches hier.

 

Um sich die Zeit zu vertreiben, studierte Herr Olbricht einst Medizin, promovierte, habilitierte, lehrte und praktizierte ein wenig, bevor er sich ganz dem Lebensstil eines kunstsammelnden Privatiers widmete, nun zieht es ihn zurück in die Sphäre des menschlich-allzu menschlichen, zu Blut, Fleisch und Tränen. Die Sammlung ist nicht der Laune eines Moments entsprungen, sondern wurde über Jahre zusammengetragen, motiviert von einem vielleicht chronischen (pathologischen?) Hang zum Morbiden, dem „Vanitas vanitatum, omnia vanitas & sic transit gloria mundi“ eines Mannes, dessen Leben sich nicht fundamental von dem des Adels von einst unterscheidet, welcher das Genre erst erfand oder sich zumindest zuerst daran ergötzte. Hoffen wir aufrichtig, es mögen noch viele Ausstellungen am me folgen, jenseits der aktuellen.

Ein Wort zum Schluß: Liebes me, Eure Aversion gegen Bildlegenden ist höchstengrades irritierend. Da sucht und sucht und sucht man im Begleitheft und ist sich doch nie sicher, Titel und Künstlernamen richtig zugeordnet zu haben.

 

Beyond/Jenseits, me Collectors room, 10. April-18.August 2019

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BAW(S) 2019, Teil II: Die Ochsentour

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