• Christian Hain

Von Kunst und Wut: Die Nationalgalerie gegen Paul Gauguin


(Berlin.) Unter dem Titel Why are you angry? (frei übersetzt: „Warum bist du/sind Sie*Er wütend?") zeigt die Alte Nationalgalerie in Berlin eine ursprünglich von der*die Glyptothek Kopenhagen konzipierte Ausstellung mit wenigen Werken von, in der hauptsächlichen Verhandlungssache aber über und gegen Paul Gauguin.

Der Titel ist auch schon der interessanteste, da offenste Teil der Veranstaltung, könnte die Frage sich doch sowohl an den Künstler, der nachdem er mehr oder minder verärgert das europäische Heim verlassen hatte auch im gelebten Südseetraum (angeblich) nicht das Glück fand, als auch an die Jury, i.e. das sich ganz dem Zeitgeist und dessen „Ideologie über alles"-Mentalität verpflichtet fühlende Kuratorenteam sowie - sofern es ihn, vereinzelt, noch gibt - den unvoreingenommenen Besucher richten.


Im Falle des Autors dieser Zeilen findet sich beinahe täglich ein Anlaß zum Wutausbruch, ein Symptom für allgemeine Entwicklungen, die gottlob noch Zorn statt Trauer zu wecken vermögen (erstere Emotion bedeutet zumindest noch Hoffnung und Rebellion statt Resignation - solange du hassen kannst, bist du am Leben), aber versuchen wir es einmal am Beispiel einer Ausstellung.

Alles begann mit der Ankunft - oder eigentlich schon früher, mit einem Werbeplakat an der Bushaltestelle, aber zu weit wollen wir hier dann doch nicht in's Detail gehen - auf der Museumsinsel und dem Banner „Stand with Ukraine" das einer Reklametafel gleich auf dem Dach des Alten Museums prangt. Wie weit geht der gemäß dem Zeitgeist doch wohl schon rein sprachlich als priapistisch zu verwerfende Aufruf zur Waffenbrüderschaft eigentlich, notfalls auch bis zum und in den „sink", den Ausguß? Die Reihen fest geschlossen, hängt der Alten Nationalgalerie nebenan (man war auf der „neuen" Museumsinsel nicht überaus originell bei der Namenswahl, aber nur durch ständige Wiederholung begreift der Kunde die Botschaft - „alt" ist hier zur Abwechslung einmal positiv besetzt) die blau-gelbe Flagge vom Oberstübchen und nein, liberal sind die Farben nicht unbedingt. Bitte, liebe Kultur: Make Art not War und einseitige Propaganda zählt bereits zu letzterem… In einer offenen Gesellschaft wäre es wie bereits an anderer Stelle erwähnt auch möglich, öffentlich „mit dem Iwan zu 'standen'" und fände man entsprechende Diskursbeiträge in den Staats- und privaten Medien, wieder - dort gäbe es überhaupt noch einen Diskurs, während Kulturinstitutionen weltanschauliche wie politische Neutralität bewahrten. Wer aber würde behaupten, wir lebten tatsächlich in einer solchen, hinter dem Marketing, das alle im Gleichschritt marschieren läßt, während die bloße Vorstellung, es könnte noch andere Ansichten zu gleichwelchem Thema geben, der Masse immer unerträglicher wird (das ist Effizienz, das ist Naturwissenschaft: Der Computer kennt nur eine Lösung für jedes Problem, alles weitere verschwendet unnütz Rechenkraft, ist „Verschwörungstheorie", „Fake News", binär: „0").


Wütend macht ferner das folgende, die ideologische Schulung im Inneren des Gebäudes und was wäre heutzutage anderes von einer Gauguin-Austellung zu erwarten oder überhaupt der Ausstellung eines historischen Künstlers, der sich noch erdreistete, Individuum statt Masse zu sein? Das Werk (halb)lebendig unter Ideologie begraben und damit fast besser behandelt als der Künstler am Pranger, der noch stets dem den Scheiterhaufen voranging: Geldgeber und Zielgruppe wollen es wohl nicht mehr anders, nur so kann das noch auf dem Markt bestehen. In den meisten Ausstellungen ergeht man sich nun in der „Debatte", dem „Diskurs", der alles andere ist denn was der zur Marketinglüge verkommene Name verheißt: längst sind keine divergenten Positionen mehr zugelassen und ergebnisoffen ist da gar nichts. Hier „darf" jeder das gleiche sagen - mehr aber auch nicht.


Gauguin also, der die kernfranzösische Heimat verließ, um migrationshintergründiger Poynesier zu werden, lebte seinen Traum oder versuchte es, als die präglobalisierte Realität ihn ansatzweise bereits überholt hatte. Daher, so lernen wir, rührte seine Enttauschung von einem „dort", das mindestens schon auf dem Weg zum „hier" war: Er war nicht mehr der einzige und erste, kein Pionier mehr, sondern fand bloß mehr des gleichen vor (ganz so wörtlich drückt man das nicht aus). Soweit so gut, nur gilt der Zivilisationsflüchtling mittlerweile selbst als Teil des Problems und obgleich Gauguin manchesmal mit den Kolonialbehörden in Konflikt geriet, gilt er nun als „weißer Kolonialist" (schuldig qua Hautfarbe, Herkunft und „Flucht”? Nanana, das wäre aber gar nicht korrekt…).

Der Frontalangriff ad hominem macht selbst vor Gauguins Werktiteln nicht Halt, die als fehlerhaft verworfen werden, womit man dem Künstler implizit Arroganz und koloniale Attitüde unterstellt: „Nach achtjährigem Aufenthalt sprach er die von ihm als einfach zu erlernend dargestellte Muttersprache der Eingeborenen nicht perfekt." Kann man das wirklich kritisieren? Kunst- und andere Manager sprechen heute fast ausschließlich englisch… hatten wir nicht gerade erst gelernt, daß Pauls Familienname sich in dänischem Amerikanisch „Go Gang" (also „gäng") ausspricht? Das klingt anders als französisierndes Deutsch und den Schritt, es dann auch anders zu schreiben, ging die Welt früher regelmäßig: da durfte jeder die eigenen Fehler machen, statt alle stets das richtige (auf diese Weise ist nicht zuletzt die Vielfalt europäischer Vornamen entstanden, die alle auf die langweilig selben griechisch-römischen Wurzeln zurückgehen: Fehler bedeuten Abwechslung und Kultur, überhaupt: Leben). Auch handelt es sich um Transkriptionen in ein anderes, das lateinische, Alphabet, und gewisse Varianten sollten da wohl gestattet sein… von unseren kunstfernen zugewanderten Mitbürgern, deren Sprachkenntnisse oft noch in der zweiten und dritten Generation zu wünschen übriglassen, (fast) gänzlich zu schweigen.

Fernerhin wird dem Künstler vorgeworfen, sich seine exotischen Domizile ausgerechnet in den französischen Kolonien gesucht zu haben, mithin ein „Teil des französischen Kolonialsystems" gewesen zu sein. Auf ganz praktische Gründe, die dieser Wahl auch zugrundegelegen haben mögen, Paßpflichten und andere bürokratische Hindernisse etwa, kommt man nicht - Ryan Air flog damals nicht, der Paul mußte auch ganz ohne AirBnB aus- und unterkommen…, mag es eventuell nicht so einfach gewesen sein, sich unter andere Autoritäten zu begeben, als jene noch nicht de facto die gleichen waren und wäre z.B. das britannische Kolonialreich eine Alternative gewesen, noch vor der Entente cordiale von 1904, und was genau hätte das geändert? Es fehlte eigentlich nur, daß man zu Gauguins Verteidigung anführte, immerhin Schiff statt Flugzeug benutzt zu haben, aus grünen Gründen, ganz so weit ist es aber doch noch nicht (warten wir nur einige Jahre bis Gretas freitägliche Jünger den Marsch durch die Institutionen absolviert haben, einerseits kann es kaum noch, anderseits wird alles mit Sicherheit nur noch dümmer).

Wut, Zorn, nur wohin könnte man flüchten, da der inzwischen als (Werte-)Globalisierung getarnte westliche Kolonialismus sich noch viel schrankenloser geriert denn damals und die ganze Welt im egalen „wir" miteinschließt - Rußland vielleicht, eine echte Alternative bietet derzeit aber wohl nur Afghanistan. Jede Hoffnung auf einen Ausweg, jeder Traum von einem woanders, einem Ort, an dem die Menschen anders sind statt gleich, wo man nicht das „gleiche in grün", dasselbe nur in anderer äußerer Verpackung, anträfe (zu Lebzeiten des Künstlers durften selbst wir Westler noch „wir" sein statt „alle", herrschte das Chaos der Freiheit statt des einen Plans kalt-toter Vernunft) findet sich heute als „Exotismus" gelabelt und mit dieser Deskription bereits verworfen (woher rührt eigentlich dieser Wertungsautomatismus?) - die Welt ein Kaufhaus in dem jeder willkommen sein muß.


Die modern amorphe Masse der Ausstellungsverantwortlichen auf dem Podium, die nichts mehr sind noch sein wollen, längst nicht mehr Deutsche oder Däne, Mann oder Frau: nurmehr eine einzige geeichte Zielgruppe, provoziert auch mit ihrer oralen Fixierung auf die genitale Sprachverstümmelung, da sie sich am Marketing des Sternchens als Mahnmal der Vernichtung von Viel- statt Einfalt klammern: Die Masse kann immer nur sich selbst, ihr eigenes Spiegelbild ertragen, das dann noch unterschiedliche Verpackungen tragen mag, darunter aber verlustfrei austauschbar ist. In der Pressemappe lese ich von „Wegbereiter*innen der Moderne" und fühle mich an den Rest der geschichtsverfälschenden Unterhaltungsindustrie erinnert (die neue bewegte Historienmalerei: Es war nie und nirgendwo anders als hier und heute, auch früher war gab es immer nur das einig „wir"), ja was denn nun, entscheidet Euch: Entweder waren Menschinnen vor ihrer vollständigen Integration in den Markt außen vor und durften nicht mitspielen oder aber die ganze Unterdrückung ist eine Legende….


„Who controls the past controls the future. Who controls the present controls the past." (Orwell)


Und natürlich fällt es auch, das c-Word, „controversial", aber das war Gauguin bereits zu Lebzeiten, lehnte sich gegen die Gesellschaft daheim auf und lebte lieber woanders. Der Künstler nannte sich - und das hören wir von ganz pikierter Stimme, da muß man sich distanzieren, die Anführungsstriche muß jeder*e*s hören (wäre sonst gefährlich!) - selber einen Wilden („sauvage", aber nein, machte damit nicht Reklame für den Dior Duft), das andere darf nicht mehr sein. Wilder, Barbar, Gringo, Gweilo, Gentile, beur, toubab, Mohr,…: den anderen als anders anerkennen und zu erhalten (wer wörtlich vernichtet, benützt dagegen keine „schlimmen" Wörter). Nur gegenseitige Abgrenzung schafft (Wesens-)Vielfalt und nichts wollen „wir" weniger als solche. Ganz gleich wo du herkommst, ganz gleich wie du aussiehst, welche Merkmale du „hast": Hier hat jeder das Recht - und die Pflicht - gleich zu „sein", seitdem die Wirtschaft all das brachliegende Kaufpotential entdeckte: eine einig' Zielgruppe müßt Ihr sein, global. Aber „Rousseau und Aufklärung, das Konzept des Edlen Wilden schwingt da mit", Rousseau und die Aufklärung also, gut, zu sehr ins Detail sollte man da jetzt nicht gehen.


Wir erfahren, ein „Tahiti-Mythos" sei damals entstanden, der ein erotisch aufgeladenes dolce far niente im irdischen Paradeis verhieß. Man unterschlägt, daß jener sich nicht aus dem Nichts manifestierte, vergißt oder kennt nicht einmal die lange Tradition der Inselromantik von Thomas More bis Daniel Defoe (die viel später noch von Schmidt und Huxley bis Houllebecq etc. pp. fortgeführt wurde). Besonders ausgeprägt war der „Tahiti-Mythos" wohl in Frankreich und den frankophonen Ländern, wenngleich man auch auf den späteren, von Hawaii ausgehenden amerikanischen Tikihype des Mittzwanzigsten Jahrhunderts hätte verweisen können (vorweggenommen schon von Earl Derr Biggers, vollendet zu Zeiten Don the Beachcombers, ausgerechnet am Quai Branly widmete man dem Phänomen vor wenigen Jahren eine Ausstellung), wer hingegen entsönne sich hierzulande noch des Bismarckarchipels? Beruhigen wir uns ein wenig in Gedanken an die Fortsetzung im Zwanzigsten Jahrhundert, als es, Abschiedstournee seiner irdischen Existenz, den großen Belgier Jacques Brel mit dem Segelboot auf die Marquesas zog, wo er nun neben Gauguin bestattet liegt, während drei Jahrzehnte später ganz konträr ein anderer Jacques, Präsident Chirac - ebenjener mit dem ethnologischen Museum am Quay Branly - die Bombe auf Mururoa zündete, sich mithin recht unempfänglich für jenen Mythos zeigte, denken plötzlich auch an Bas Jan Adder und seine letzte Reise mit geographisch ganz anderem Ziel.


Zurück zur Ausstellung und weiter mit einer bemerkenswerten Ansage des Leiters der Nationalgalerie: „Heutzutage ist es so, daß man Werk und Person trennt, wo letztere als zu schwierig erscheint." Das muß man sich doch einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Gemeinhin ist es heute eher so, daß die schwierige, weil den eigenen Moralvorstellungen zuwiderlaufende, Meinung gemeinsam mit dem sie Äußernden routinemäßig von McCarthys Wiedergängern ausgeblendet, ausgelöscht, ausgemerzt wird, in den Medien, am Arbeitsplatz, in der alltäglichen und selbstverständlichen Zensur des Internets und jene Aussage wirkt nur auf den ersten Blick harmloser. Was uns herausfordert, was uns widerspricht, was anderes behauptet und setzt als wir bereits wissen, gehört abgetrennt und ausgesondert, weggeschnitten, weggekürzt, ignoriert: ein Virus im System.

Den anderen aber in seiner Andersartigkeit, mit seinen je anderen, ihm spezifischen, Werten als „ungleich" anzuerkennen, sich selbst auch herausfordern zu lassen, Distanz und Diskrepanz zwischen dem „du" und dem „ich" in ihrer Unauflösbarkeit zu akzeptieren statt sie im vereinnahmenden „wir" zu nichten, stellt offenkundig keine Alternative mehr da: Das fremde gehört in den eigenen „Diskurs" hineingezogen, statt ihm den eigenen zu belassen.

Müßte es nicht aber auch „kontroverse" Charaktere geben, haben die nicht auch eine Existenzberechtigung, nicht zuletzt damit dieses Leben nicht vollends in belangloser Ödnis versäuft, aber auch, um die Bedingungen der Möglichkeit von - überzeitlicher und unangepaßter - Kunst überhaupt zu erhalten? Wenn alle nur noch bravbiedergrüne Bürokraten sind (und die Gesellschaft spricht immer mehr mit einer einzigen Stimme, s.o. - nebenbei: wenn alle an einem Strick ziehen, hängt am Galgen die Demokratie), wie arm wäre nicht diese Welt und schon jetzt fordert die Kunst kaum mehr heraus, wiederholt immer nur dieselben Parolen wie alle Medien, wie die Masse, die nur ihre eigene perpetuelle Reproduktion (aner)kennt. Wie wäre es mit einem sowohl als auch: Der tat das und das, war damit nach heute mehrheitlich vertretenen Ansichten das und das (Label nach Wahl einsetzen oder einfach mit „misophobistisch" zusammenfassen), oder auch ein simples „so": so war er, das tat, sprach und schuf er - ganz ohne (stets zeitrelative) moralische Wertung.


Der Einbezug, die Vereinnahmung, und damit einhergehend die Enteignung des Fremden von seiner Fremdheit folgt nebenbei bemerkt dem antikrömischen modus operandi, dessen Imperialismus wahrhaftig „bunt" und „vielfältig" war (in der Marketingbedeutung, tatsächlich also das Gegenteil bezeichnend, das nur in kontinuierlicher gegenseitiger Abgrenzung und Definition von „ich" und „du", innen und außen sowie der Grenze dazwischen entstehen und sich erhalten kann), auch damals marschierten schon alle Farben unter einem Banner und heute gestaltet die Welt sich nach dem Bilde Amerikas um, adoptiert gar dessen Bevölkerungsgeschichte als die ihre und einzige.

Statt „Seht her, die Wilden - in diesem Kessel dünsteten sie Menschenfleisch" (wie unvegan!) nun also „Seht her, den Menschenfresser - so erniedrigte er malerisch!" und das ist kaum verständnisvoller: Immer noch gilt, der muß uns gleich sein, die Gleichung muß stimmen. War die Erklärung zum Artefakt ehemals sensationsheischend, wenngleich objektiv (potentiell) zutreffend, akzeptierte man den anderen noch in seiner Andersartigkeit, durfte er „er" sein statt „wir" - zumindest solange, bis „wir" zu ihm kamen und er es nicht länger bleiben konnte, kolonialisiert und „gezähmt" werden mußte. In gewisser Weise müßten die heutigen dem Kolonialismus allerdings auch dankbar sein: Ausgemerzt wurden da schließlich ganz „bös" paternalistische und nationalistische Gesellschaften (analog den behaupteten Kannibalen also), die noch nicht zu den Segnungen der Immergleichheit erzogen waren…


Bei genauerer Betrachtung scheinen die Mechanismen fast unheimlich vertraut, erinnert dieses Einhämmern neuer Deutung, Bewertung und Ideologie ebenso wie die Szenographie mit viel mehr Text als Kunst in der ZurschAustellung zumindest ansatzweise an ein düsteres Kapitel nationaler (nun eben internationaler) Kunstgeschichte: Wie so viele andere, ist Gauguin vom heutigen - und damit natürlich „absolut letztgültigen" - Standpunkt aus gewertet, „aus der Art geschlagen" oder, formuliert man das nicht braun- sondern rotsozialistisch, geht es darum, „degenerierte, bourgeoise Dekadenz" vorzuführen. Die beste Taktik war in solchen Fällen stets „Augen zu gegenüber dem 'Diskurs' und durch", bloß die Bilder, die Kunst an sich, betrachten, so sehr sie auch in den Hintergrund gerückt wird.

Kunst findet sich in dieser Ausstellung allerdings sehr wenig.

Alles beginnt mit jenem Tahitimythos, mit Tänzen und Träumen vom anderswo, dann folgt ein Statürchen Gauguins - der Negerskulptur-Hype (sollten wir lieber Afroafrikaner sagen?) der Kubisten kommt einem da in den Sinn, vorweggenommen, aber ohoh… sprechen wir nicht weiter.

Ganz wie die russische Flagge draußen fehlt auch drinnen der Kontrapunkt in der Bedienungsanleitung zur Kunst, den Kommentaren und Erläuterungen. Da muß man sich schon an die Originalquellen halten, die Handvoll ausgestellter Bilder und Briefe. Und beginnt man einmal zu lesen, bewerben die aufgeschlagenen Bücher nicht bloß blaue Lagunen, sondern unterschlagen auch nicht den Zyklon, der eine Anzahl Eingeborene unter die Fluten riß: ganz so eindimensional sorgenfrei wie man das gerne hätte, war da gar nicht alles beschrieben. Auch Pauls Gau-Gau Girls, seine Fijiinnerinnen(?) sind nicht nur hübsch, nicht nur sexy - altmodisch gesprochen, natürlich handelt es sich auch bei der Schönheit um eine menschlich-kulturelle Kategorie, die zusehends von der effizienten Computerlogik wegrationalisiert wird: alles und alle haben jetzt gleich „schön" zu sein und nichts und niemand mehr „häßlich" (außer dem Andersdenkenden natürlich), so predigen es uns alle Spots und Plakate der Kosmetik- und Modeindustrie, warum nur…? Niemals das „cui bono" vergessen! Womit beide Kategorien eigentlich wegfallen, nicht mehr effizient genug sind, da sie Welten über die Mathematik setzten, schufen statt berechneten. Manche der Damen sind also auch zerfurcht und nicht sehr wohlgeformt (nach einem von mehreren gleich gültigen Idealen, deren Parallelexistenz eben nicht gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit ist und zu deren Erhalt eben der Verwurf des je anderen zwingend notwendig ist) - da ist schon noch Platz für Realismus neben aller Verklärung (oder war genau das seine Desillusionierung?).

Fremde Kunst tritt hinzu, zeitgenössisch von heute, westliches mea culpa oder südseeische im westlichen Stil. Lucy Skaer und Rosalind Nashashibi „möchten Gauguins Modellen wenn schon keine Stimme" - Stummfilm! - dann zumindest „ein neues, weil gefilmtes, Gesicht geben". Aha. Die treten ins Bild, Schnitt, räkeln sich als hüllenlose Majen auf dem Bett, und dazwischen sehen wir Straßenszenen mal mit Kindern beiderlei Geschlechts (also einerlei Genders: wichtig ist nur, daß du funktionierst, austauschbar bist, Mehrwert schaffst), mal Erwachsene auch beim Autofahren - wichtig ist da, daß SIE hinter dem Volant sitzt und nicht ER, während Gauguins Tahiti noch ganz ohne westliche Technik auskam - oder kommen sollte, fand er es doch tatsächlich schon okzidentalisiert, wenngleich natürlich nicht motorisiert, vor. Du weißt, sie fahren darin gerne im McDrive oder bei der nächsten Dönerbude vor, du triffst ihresgleichen beim Bäcker in Berlin, London, New York, Kiew,… alles eins, alle/s nur noch „wir". Die Welt ist eins geworden: langweilig. Alle sind gleich. Alle sind gleich. Alle sind gleich. Aber das ist doch furchtbar!


Ein Raum mit Gedichten in der Landesprache und der zweiten Landesprache: polynesisch und französisch verfaßt und gar nicht übel. Aber ist das eigentlich eine polynesische Kunstform, auch schriftlich? Den Namen Henri Hiro zumindest kann man sich merken.

Dann noch ein Video von Yuki Kihara in schrillbuntem westlich-amerikanischen Videoclip Stil, das hätte kein Absolvent einer x-beliebigen euroamerikanischen Hochschule besser hingekriegt - und natürlich hat die Künstlerin auch eine solche durchlaufen. Lokale Transvestiten, die gab es dort scheinbar schon früher, wurden dann von den Vorfahren derselben Europäer abgeschafft, die sie nun - wenn nötig mit Gewalt - überall wieder einführen (Assimilation ist denn doch die langfristig wirksamste Form der Annilihation des anderen - immer an die Kaufkraft denken!) reden da über Werke Gauguins. In der Ausstellungsdokumentation wird das zu einer Anekdote des Malers in Beziehung gesetzt, den eine Insel-Nachbarin einst nach der Identität der Olimpia in Manets Gemälde auf einer Postkarte fragte - das scheint aber mehr mit dem Bildungshintergrund als mit der Ethnie zu tun zu haben: vor dem Hintergrund ganz alltäglicher Ahnengalerien mochten europäische Dienstmägde nicht anders gedacht haben.


Unsere Museen arbeiten nach unseren Regeln, das ist heute nicht anders als früher, deren Museen - so sie denn überhaupt welche haben und brauchen - nach den ihren. Wenn Museen und museale Kunst eine westliche Erfindung sind, bedeutet bereits jeder Einbezug, jede Eingemeindung in die Zielgruppe, „Kolonialismus".

Der alte Mann, der dem vielzitierten afrikanischem Sprichwort zufolge „eine Bibliothek ist", ist - oder war, denn auch die müssen nun nach unseren Regeln spuren und als *innen die nicht mehr existente Geschichte und -n in Touchscreens tippen, wo sie von Worterkennungssoftware geeicht werden - anders. Ein wenig „anders" sind auch noch jene tahitischen Nationalisten, die heute den „Tahexit" fordern, man kommt da allerdings kaum mehr mit bei dem Zählen der Referenda, die bislang sämtlich dagegen ausfielen. Vielfalt: hier unsere Perspektive, da eine andere und im gesamtweltlichen Chaos wiedersprachen sich alle: eine Kackophonie, die dem materialistisch-mathematischen Nullsummenspiel zutiefst zuwider ist, da der implizite Wahn zur alternativlosen Weltherrschaft und ganz alter Wille zur Macht „uns" in die „Objektivität" treibt.


Paul Gauguin - Why Are You Angry?, 26. März - 10. Juli 2022, Alte Nationalgalerie

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