• Grumpy Old Man

Das Museum Barberini zwischen surrealer Reaktion und Magischem Surrealismus


(Potsdam.) Wer wünschte sich nicht zuweilen einen rechten Museumsskandal, die kuschelige Ruhe zu stören, zumal in Zeiten da die Kunst nach innigster Systemtreue und äußerster Mainstreamkompatibilität strebt, es mit den Ideologen des Tages hält und jenen, die in Medien und Gesellschaft den Ton angeben, kurzum sich wieder einmal als Teil „der Bewegung" definiert? Aber ach, ereignet sich einmal ein solcher, zeichnet sie gar nicht selbst verantwortlich, wird als Marketingvehikel zur Propagierung von Parolen mißbraucht, die man in der Branche sonst auch gern nachplappert; stehen die Störer in derselben Echokammer und schreien nur Nuancen lauter, gehen einen Schritt weiter als man das - noch - gerne hätte: Die Geister, die ich rief.


Wie Ihnen wahrscheinlich zu Ohren gekommen ist, schloß das Museum Barberini nach dem Anschlägchen einer Endzeitsekte in diesem goldenen Oktober für eine Woche seine Tore. Das größere Ärgernis bestand allerdings in der unbeholfenen Reaktion der Museumsleitung auf den „spontanen Ausbruchs des Volkszorns", da wußte man in personam Ortraud Westheimer als Direktorin des Hauses wohl nicht recht, was man sagen sollte, versicherte die Vandalen in einer Pressemitteilung desselben Abends (hätte ein wenig Bedenkzeit geholfen, si tacuisse...?) seines Beifalls in der Sache, i.e. dem Klimakonservatismus, und erklärte desweiteren, das zwecks Erhaltung des status quo in Sachen Wetter attackierte Kunstwerk sei doch ein Monet und der habe immer so hübsch „die Natur" gemalt (bzw. deren Impression/Repräsentation im menschlichen Geiste, was nicht nur erkenntnistheoretisch etwa anderes ist): „Bei allem Verständnis für das drängende Anliegen der Aktivisten angesichts der Klimakatastrophe(sic!) bin ich erschüttert über die Mittel, mit denen sie ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen suchen. Gerade in den Werken der Impressionisten sehen wir die intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der Natur. Die vielen Landschaftsgemälde in der Sammlung Hasso Plattner können Besucherinnen und Besuchern auch dazu Anstoß geben, ihre Beziehung zur Umwelt zu reflektieren und zu hinterfragen.“ Demzufolge wäre alles in bester Ordnung gewesen, hätten sie sich stattdessen auf das - Menschen porträtierende oder abstrakte - Werk eines anderen Künstlers, z.B. in der neuen und an dieser Stelle eigentlich zu rezensierenden Temporärausstellung gestürzt?


Nicht bloß in „der Natur" wirkt alles zusammen und allgemein tut man sein bestes, den Ungeist einer Jugend ohne Kunst zu bestärken und sie gegen jede immaterielle Überzeitlichkeit aufzuhetzen, das beginnt schon beim Gebrauch des*r Newspeak*in: die Logoklasten führen den Bilderstürmern das Wort als Zeichen der Abscheu gegen menschgeschaffene Welten (einst war das ganze Leben Kunst: willkürlich sich zusammenschaffenes Chaos, ereigneter Konflikt statt berechneter Nullsumme, verschiedene Lebenswelten statt eines einzigen logisch-effizienten Weltmarktes). Wo alles Produkt ist, werden Bücher verbrannt, die der gegenwärtigen Massenmoral widerstehen und Gemälde für's Marketing beschmiert; nein, Kunst paßt wahrlich nicht in eine Welt, die wieder alle unter einem Banner assimiliert und jede Überzeitlichkeit als unnützen Hokuspokus verwirft, „die Natur" feiert und zugleich jene des Menschen erbittert bekämpft: Es ist nur was da ist, gegeben und verarbeitet, im Jetzt konsumiert werden kann. Womit wir bereits eine Brücke zum eigentlichen Thema dieses Artikels geschlagen hätten...

Zuvor aber noch einige Worte mehr zu einer im intellektuellen Ranking fraglos „allerletzten Generation" und ihrer Furcht vor der Wettervorhersage, einer Jugend im vorzeitigen Klimakterium als Symptom einer Zivilisation im Endstadium, die sich ihrer selbst überdrüssig als letzten Kitzel in dekadenter Selbstgeißelung delektiert, verzweifelt Sinn suchend in der Unfähigkeit mit jeder plötzlichen Änderung fertigzuwerden: Cannot compute. Eine digital verdummte Masse, die einzig gelernt hat, Gegenwart zu sein und beliebig austauschbar, ganz un*nachhaltig nicht einmal Spuren hinterlassen möchte: Der Mensch und seine Schöpfung gelten da als Virus im System.


Rein rational betrachtet ist das beste, was ein Autofahrer tun kann, hat sich wieder ein Klimadiot auf den Asphalt geklebt (ach, wäre es bloß noch flüssiger!), einfach draufzuhalten: jede*r Mensch*in weniger ist schließlich ein Plus für den Planeten*in und nicht alleine das gesellschaftliche Klima. (Auch das gehört zur Wahrheit: mehr Kriege und Krankheiten stärken das Ökosystem, homo homine lupus, und soviel schlechter als unsere selbsterklärt erleuchteten Oberförster wäre das kaum; wie lebenswert eine Welt ohne Sinn, den der Mensch sich immer nur selber schaffen kann, noch ist, sei dahingestellt).


Bar aller Bildung, pragmatisch zweck-mittel-ausgebildet und indoktriniert von Lehrern, die ihren Beruf als Sendung begreifen, kennen Sie keine Argumente, keine Debatte: das digitale lebend, existiert ihnen nur „1" und „0", richtig oder falsch, und ihre Führer*innen sind unfehlbar „erweckt" („woke"), hörig einer sich längst normativ verstehenden Wissenschaft, die als market player wie jeder andere auch mit ihrem Content Zielgruppenerwartungen bedient und Konsens - den Feind des Geistes - liefert. Da marschieren sie im Gleichschritt unter der Regenbogenflagge - Faustregel: wo alle Subsysteme ihren angestammten Platz verlassen und eine Fahne aus dem Fenster hängen, streckt man Demokratie, Pluralismus und Aufklärung die Zunge heraus - : einer wie die andere, Masse statt Individualität, programmierter Konsument statt schöpferisches Individuum. Ein Kunstwerk ist folgerichtig nur Objekt/Ware, Qualität irrational, unwissenschaftlich, da nicht (/kaum) in computerisierter Statistik erfaßbar und jede Zuschreibung immateriellen Wertes irrelevant, weil menschlicher Phantasie entsprungen: unwissenschaftlich, Fake News. (Wer würde auch wagen, zwischen Quantität und Qualität und weiter noch binnen jener zu diskriminieren, ungehörig wie jener Begriff - ein Grundprinzip menschlichen Denkens - mittlerweile geworden ist?)


Kommen wir endlich zu dem Anlaß dieses Textes, der kürzlich neueröffneten Ausstellung „Surrealismus und Magie - Verzauberte Moderne" am Potsdamer Privatmuseum Barberini. Zuerst im viel zu schnell vergangenen Sommer an der Peggy Guggenheim Collection in Venedig gezeigt, bevorzugtes Urlaubsziel, nein: selbstverständlich eminent wichtige Ausbildungsetappe eines jeden amerikanischen Kunsthistorikstudenten (eine vergleichbare Dichte an Praktikanten im Security-Dienst pro Ausstellungsraum findet sich sonst nirgendwo und die Außenstelle einer prestigereichen US-Uni ist gleich next door) war sie ein Highlight des Sommers, interessanter jedenfalls als die zeitgleich abgehaltene Konklave, der Internationale Kongreß des Zentralkommitees der Weltkunst, anläßlich dessen ein neuer Fünf-Jahres-Plan - nun gut, den Eindruck konnte man jedenfalls gewinnen, suchte man die Kunst bei dieser Biennale doch lange und zumeist vergebens unter all der Agitation.


In Potsdam sind es mit neunzig Arbeiten aus zahlreichen Sammlungen dreiunddreißig mehr geworden als bei der Uraufführung - der Hasso hat halt noch ein bißchen mehr Platz als die Peggy (dafür weniger Hunde und Gemütlichkeit), bewohnte seinen Palast auch nie. Die mausgrau gestrichenen Wände über dem Holzparkett erlauben ein intensiveres Eintauchen als die venezianischen Wände in sterilweiß (positive Ausnahme dort: rot im für Leonora Carrington reservierten Abteil, die übrigens posthum, und ungefragt, das Motto zur diesjährigen Venice Biennal beisteuerte, „The Milk of Dreams" - gab es da eigentlich virtuelle Kackstürme wegen „Milch" statt aromatisierten Sojawassers?), die Bilder sind auch mit weniger sozialer Distanz zueinander gehängt. Auf der anderen Seite wiederum war das Ausstellungsende in „der Guggy" Interpretationssache, hing manch ein Werk derselben Künstler und gar desselben Stils nicht mehr strikt in jener, sondern in der ständigen Sammlung, die das Thema fast nahtlos fortführte.


In der Potsdamer Einführung hörten wir den Surrealismus als „universell" und „verbindend" herausgehoben (woraus eigentlich? Dieselben Claims werden inzwischen überall mitgeliefert), das ist natürlich zielgruppenkonform in Zeiten da Andersdenken, Unterscheiden, überhaupt Kreativität: Vielfalt schaffen in Distinktion/Diskrimination, wieder gefährlich sind. Potentiell verkürzt, dafür aber ebenso modern, erklärt man Kriegstraumata für das ab 1914 einsetzende Genre hauptverantwortlich, unterschlägt mithin jede historische Entwicklung gerade in Hinblick auf die hier behandelte Subkategorie: „Surrealismus und Magie" fokussiert einen spezifischen Aspekt surrealistischen Schaffens, der jedoch, und das sollte nicht verschwiegen werden, auch mit der Mode ging. Da geht es um eine Künstlergeneration, die nicht lange auf Baudelaire und Huysmans folgte, die kontemporär war mit Alister Crowley, Poe und Carrol, in Deutschland Hesse (mindestens der „Demian" gehört in den Kontext), da erging man sich in Séancen noch bis ins triviale bei Conan Doyle. Während die Entzauberung der Welt wieder einmal ihren Endsieg feierte, schlug das Pendel - und die Wünschelrute - zurück, nicht für alle sondern nur für Eingeweihte: fast verspätet sprang auch die bildende Kunst auf den Geisterzug. Überhaupt die Wellenbewegungen seit dem Mittelalter, Romantik, Mesmer, Swedenborg, aufklärerische Freimaurerei, man denke noch an die umfangreiche Alchemie-Ausstellung am Berliner Kulturforum 2017 und grundsätzlich die dionysische Seite der Existenz!


1924 stellte André Breton mit seinem „Manifeste du surréalisme" dem Stil die Geburtsurkunde aus, es ging ihm um psychische Automatismen im Schaffensprozeß ohne Rekurs auf Vernunft, Ästhetik oder Moral. „Sur-real", also über-real,- nicht exakt über-natürlich, eher unter-bewußt als über-der-Realität war für viele der beteiligten Künstler die Bezugnahme auf Sigmund Freud wichtig (Jung findet in dieser Ausstellung übrigens nur an der allerletzten Wand im allerletzten Raum Erwähnung). Vehement tritt man hier und heute einer Rezeption als „antirational" und „antiaufklärerisch" entgegen: noch im Interesse am „Magischen" - das von Motiven zum Medium reichte, so waren zahlreiche Künstler an der Erstellung eines surrealistischen Tarotblattes beteiligt - gingen die Surrealisten demnach einen Schritt weiter, bezogen eine Metaposition gegenüber der Begeisterung ihrer Zeitgenossen, nahmen ihr Sujet nicht „wirklich" ernst sondern wahrten kritische Distanz, spiegelten und spielten fast schon postkulturell damit. Zumindest gemäß dieser Interpretation lehnten sie jeden Glauben an Übernatürliches ab, begriffen die aufgefundene Symbolik strikt metaphorisch als einen Einstieg ins Unbewußte.


Folgen wir den Kuratoren von „Surrealismus und Magie", verknüpfte sich ihre wissenschaftlich-nüchterne Herangehensweise überraschender- und möglicherweise paradox, mit einer gegen überbordenden „Materialismus und Kapitalismus der die Künstler umgebenden Welt" gewendeten Attitüde (da sind wir heute natürlich ein gutes Stück weiter, da jene Wert*innen endlich nicht mehr nur für 49% sondern 100% der Menschheit alleinverbindlich und einzig sinnschaffend, denn wertstiftend, i.e. -berechnend sind unter Ausschaltung aller Konkurrenzsysteme: Kultur, Herkunft, Prägung, -ismen, all der überzeitlich menschliche Ballast).

Der Großteil der hiesigen Werke entstammt nicht den Anfangsjahren des Genres, sondern dem Mittzwanzigsten Jahrhundert, „Höllenbilder" hören wir in diesem Zusammenhang, seien Metaphern für die omnipräsente Kriegsgefahr ab 1938 gewesen. Überhaupt scheinen die Künstler verläßliche Hellseher gewesen zu sein im Gegensatz zu den Weltpolitikern jener Zeit, welche schuldhaft blind noch appeasten und nicht wußten, was dräute während die Mehrheit wie in jeder Massenbewegung überzeugt war, das „richtige", das alternativlos „Gute" zu tun und der Welt in sich, dem grenzenlosen „Wir", Erlösung zu bringen.

Desweiteren berichtet man von den Schrecken der Sozialismen für Kunst und Welt, wobei hier wieder einmal nur eine Variante, namentlich die deutschnationale genannt und durchgängig mit dem Faschismus gleichgesetzt wird (man diskriminiert, also unterscheidet ja nicht mehr gerne: das digitale kennt nur 1 und 0 ohne lästige Schattierungen - accessibility für den kleinsten intellektuellen Nenner). Im Deutschen Reich riskierten die Surrealisten ihr Leben und das ihrer Werke, fanden sich nicht in den Kanon aufgenommen zur Flucht gezwungen, obgleich auch anderes möglich gewesen wäre, entsinnt man sich des nationalsozialistischen Okkultismus von Thule bis Ahnenerbe (come on, das kennen Sie von Indiana Jones!), aber der Surrealismus war wohl tatsächlich zu reflektiert und wurde als entartet gecancelt. Das Interesse an „Freudschen Ferkeleien" war darob auch nicht hilfreich (die Verbindung von auf Sprache gestützter Psychoanalyse mit spezifisch jüdischer Tradition der Machtzuschreibung an Buchstaben und Worte ist nicht einmal ein Mythos).

Zur Wahrheit gehört aber auch, daß die Künstler in den faschistischen Nationen Italien und Spanien wenig zu fürchten hatten, Mussolini im praktischen meist Toleranz gegenüber offiziell verpönten Kunstgattungen walten ließ und der Artissimo Dali 1948 nach Spanien zurückkehrte, dort gar den Generalissimo Franco portraitierte.

Währenddessen, und das will man insbesondere in Berlin immer weniger wahrhaben, erging es aller Kunst unter dem linken Arm des Sozialismus kaum besser: Speziell die Hinwendung zu magischen Welten, also nicht kalttot rationalistischen Marktbeziehungen, konnte dort kaum auf Gegenliebe stoßen, feierte und erhielt man darin doch das gemäß materialistischer Heilslehre Auszumerzende (man informiere sich auch über das Schicksal sowjetischer Philologen, die es wagten, die geistigen Welten sibirischer Nomaden erhalten, zumindest dokumentieren, zu wollen). Das Volk denkt und schöpft in Märchen und Sagen, andere verkopfen das in Geheimwissenschaften und Mythen; wahre Geschichten vom Unsagbaren, Nicht-Sichtbaren noch Eindeutigen, Erkenntnisse und Gefühle, menschlich aufbereitet - Newspeak: Verschwörungstheorien, Fake News, Kultur, entbehrlicher Überbau. Das alles gehört auch heute wieder wegerzogen, muß weichen, ist zu unpräzise, der assimilierten Masse und ihren Lenkern nicht effizient genug.


Widmen wir uns einigen Werken. Da geht es in erster Linie (/Dreieck?) um Symbole, um aus Alchemie und Esoterik entlehnter Ikonographie zwischen Figuration und Abstraktion (hätte man nicht wenigstens Kandinsky, der auch geometrischen Formen und Farben metaphysischen Gehalt zuschrieb als teilweise gar noch kontemporären Vorläufer erwähnen können)? Vieles bleibt verschlossen, fremd ohne Einblick in die Symbolik, was nicht verwundert, bedeutet „okkult" schließlich im Wortsinne verdeckt, bezeichnet Geheimwissen, das nicht barrierefrei, nicht „für alle" akzessibel ist, das Gegenteil leichter Sprache und ähnlicher Verdummung befördernder Segnungen der Ochlokratie: Anders als die Hohepriester der geheiligten Wissenschaften heute verschloß man sich da hermetisch im Elfenbeinturm und scherte sich nicht um Vorgaben für die Welt draußen. Die Schautafeln am Barberini erhellen manches, ohne allzu tief eintauchen zu können.


Alle Heroen des Genres sind vertreten, von Yves Tanguy - auch seine Frau, Kay Sage, malte, träumerische Ölbohrtürme auf Wolkenkratzerbaustellen zum Beispiel - zu André Masson, der sichtlich Anleihen beim Kubismus nahm, Max Ernst nicht allein mit Gemälden sondern auch der Stierskulptur (Picasso-Referenz?) „König, der mit der Königin spielt" - am Schachbrett und auf die alchemistische „königliche Hochzeit" zweier (Elementar-)Zustände bezugnehmend (bevor das weibliche Prinzip als komplementäre Welt in effizienter Austauschbarkeit wegfiel und der Mensch zur -heit wurde). Eines der wenigen Beispiele, die der Besucher vermeint, auch ohne Hogwarts-Diplom deuten zu können, ist Georgio de Chiricos „Das Geheimnis des Kindes", das könnte man ganz platt lesen: Da steht der alternde Glatzkopf träumerisch geschlossenen Auges, barbusig wehrlos, zwischen Palast (Wolkenschloß?) außer dem Fenster im Hintergrund und aufgezogenem Vorhang vorne vor einem zugeschlagenen Buch, wiedererweckt womöglich die „magische" Schöpfungskraft des Kindes in sich, das ohne Rücksicht auf Physik und Vernunft Welten baut und dieses Traumspiel der endlos öden Wachheit vorzieht.

Gibt es im Tarot-Deck eigentlich einen Fool bzw. Jester? Salvador-Elllll-Loco-Grandioooso-herrrrrreinspaziert-meine-Damnunherrn-Dali ist anwesend, wenngleich mit wohltuend wenigen Werken, dabei verkörpert der doch im Verständnis der Allgemeinheit den Surrealismus wie kein zweiter (allenfalls mit Ausnahme von Buñuel im nun ja: Auge von Filmkennern), nebst überhaupt allem „irgendwie spleenigen, strange-en, abgedrehten" und dergleichen Schlagworten mehr.


Vielfach zeigte man offen, was man tat, die Überführung des vorgefundenen in Kunst nämlich, etwa wenn Enrico Donati den „bösen Blick" mit in einer Spiegelskulptur metaphorisierte.

René Magritte's „Black Magic" (...Matters? oder ...Woman?), das die Nackte vor allem wohl in den Himmel loben sollte, findet sich in der Schmuddelecke wieder, Verzauberung is over, und wir lesen so einigen Bull*Cowshit an den Wänden über das „Frauenbild" männlicher Maler auch in Bezug auf die omnipräsenten Hexen und Göttinnen. Zwei Bilder auf- und voneinander sind nun bereits eines zuviel, das muß alles eins sein, neutral, computer-objektiv, darf nurmehr eine einzige Erkenntnis „für alle" (Menschen und Situationen, die mithin nur äußerlich „vielfältig" sind) Gültigkeit haben, wissenschaftlich entzaubert, entnaturalisiert, technisch, tot, wie überall: eine Zielgruppe, die stets gleich produziert und konsumiert. Ach, laßt doch Männer über Frauen sprechen und schaffen wie sie wollen, et vice versa: kulturell, qua Prägung und Kultur geschaffener Dualismus ist mehr als stumpf berechneter, bloß erforschter Einheitsbrei, dann habt Ihr zwei Sprachen, zwei Welten, viele Wege! Vielfalt.

Da wir gerade im Quotenbereich sind: Manches Werk Leonor Finis mag den heutigen Betrachter nolens volens an Film- und Fernsehtrash à la „Conan" und „Xena" erinnern, ohne Zutun der Künstlerin natürlich... Zu ihrem „Ende der Welt" mit halb aus einem Öl-/Schlammbad/der Ursuppe herauslinsender Dame, deren Mimik wenig Begeisterung ob ihrer finalen Schönheitskur(?) verrät - wir lernen dazu über ein angenommenes „prähistorisches Matriarchat" - wäre es interessant zu erfahren, ob der Titel irgendwie Courbet evozieren sollte. Max Ernsts Gemahlin und „Königin" manch eines Werkes, Dorothea Tanning zitiert jedenfalls mit ihrem Blumenkind in „Das magische Blumenspiel" ganz unverblümt Arcimboldos Jahreszeiten. Gleich ihr ließ sich sich die bereits erwähnte Leonora Carrington offiziell von Lewis Carroll inspirieren, zum Beispiel zu „Die Vergnügungen des Dagobert" - gemeint ist nicht Walt Disneys Uncle Scrooge, sondern der mythische Merowinger (Erika Fuchs war allerdings noch ganz klassisch gebildet).


Zu Wolfgang Paalens „Magnetische Stürme", 1938, lesen wir, es handle sich um „eine abstrakte Darstellung des Wilden Heers (...) Anblick sollte bevorstehenden Krieg verheißen" - die „Wilde Jagd" ist sicherlich der einschlägigere Begriff (der anonyme Museumsangestellte hat wohl nie „Witcher 3" auf der Playstation gespielt) und ein klein wenig denken wir auch an Kokoschkas expressionistische „Windsbraut" von 1913/14. Weiter heißt es im Text, „das Bild entstand in dem Jahr, in dem Hitler Paalens österreichisches Heimatland annektierte"; das mag ein wenig zu wohlwollend gegenüber den Betroffen ausgedrückt sein, die begeistert Anschluß suchten nachdem der eigene dezidiert nicht-nationalsozialistische Faschismus Dollfußens ein gewaltsames Ende genommen hatte.

In sich selbst kaum wertend wirkt Max Ernsts „Der zu Tode erschrockene Planet", 1942 - keine ökologistische Prophetie, sondern, wiederum Zitat Begleittext: „Chaos und Zerstörung" sowie „Ordnung und Harmonie", „getrennt durch einen zentralen abstrahierten" (inwiefern, der ist doch fast schon photoreralistisch?!) „Totempfahl" zu Zeiten „der Welt während des Zweiten Weltkriegs". „Es geht aber auch um die Dualität von Gut und Böse, die in einem Gleichgewicht zu stehen scheinen". Beide komplementieren sich hier und rätselhaft bleibt die einem Bild im Bilde gleichende Felslandschaft auf der dunklen Seite, deren Farbvorhang ein wenig höher gezogen scheint - und was liegt eigentlich dahinter? In der Alchemie soll der Dualismus der „chymischen Hochzeit" wohl einer Art harmonischer Dialektik entsprechen.


Schließen wir mit einer Erkenntnis ganz anderen Ursprungs: „Das magische Seelenbild trägt die Züge eines strengen Dualismus zweier rätselhafter Substanzen, Geist und Seele. (...) Dieser ,Geist’ ist es, der die höhere Welt hervorruft, durch deren Erzeugung er über das bloße Leben, das ,Fleisch’, die Natur triumphiert" (Oswald Spengler). Wohldenn, laßt uns die letzten Spätsommertage dieses geradezu „magischen" Indian - sorry: 'Murican Native! - Summers genießen vor dem Winterfrost der Sanktionenkrise.


Surrealismus und Magie - Verzauberte Moderne, 22. Oktober 2022-29. Januar 2023, Museum Barberini, World of Arts Magazine - wartsmagazine.com