Süßsaure Kunst aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. (Aber lassen Sie den Regenschirm zuhause)

 

(Berlin.) Bitte, nehmen Sie Platz, machen Sie es sich gemütlich, wie wäre es mit einem Grün- oder Weiß-Tee, dazu ein Snack: Pudel, Angora oder Schwarzbär vielleicht? Alles gut mit der neuen Niere?, ja haha, der wird so schnell nicht wieder protestieren – ups, vergessen Sie, was Sie gerade gelesen haben und folgen Sie mir zu drei Berliner Ausstellungen chinesischer Kunst und Künstler. Drei Ausstellungen mit Kunstanlaß – Werden in Kindergärten eigentlich noch die „Drei Chinesen mit dem Kontrabaß“ besungen oder steht das mittlerweile unter Rassismusverdacht? Da werden immerhin einer gegebenen Bevölkerungsgruppe polizeilicher Überprüfung zu unterziehende Aktivitäten unterstellt... Racial Profiling! Und nicht einmal durch chinesische Sicherheitskräfte. 

 

Es läuft im Reich der Mitte und gar nicht -mäßig, in China ist alles möglich, alles bis auf Kleinigkeiten, Meinungsfreiheit, Demokratie, Menschenrechte, unnötiger Krams. In der Kunst sind wir da nicht wählerisch, nicht immer und nicht überall. Es fühlt sich zumindest so an, als sei die stets „politisch engagierte“, durch und durch kritische Gutmenschenschar auffallend still, geht es um China, unterscheidet sich darin in nichts von anderen Zweigen der globalen Unterhaltungsindustrie. Sei politisch, aber wisse, es gibt einen Platz und eine Zeit für alles. Nimm die einfachen Ziele, jene auf die Massenmedien und Mob längst Feuer frei erklärt haben, sag’ dem Publikum nur was es schon weiß, denkt, glaubt, fühlt, fall’ ein in den Chor oder schweige still.

Beiße niemals die Hand, die dich füttert – nicht im Ernst. „Politik und Kunst“ gäbe ein schönes Thema für eine ernsthaftere Auseinandersetzung, da finden wir die historisch gewachsene Symbiose von „engagierten“ Künstlern und „aufgeschlossenen“ westlichen! Sammlern, die sich aus ganz eigentümlich psycho-kulturellen Motiven gerne kritisieren lassen, zu zeigen, wie geerdet und bodenständig man noch sei, seinen Idealen treu geblieben; möglicherweise spielen gar Scham und „Gewissen“, nicht unbeeinflußt von Residuen christlicher Ethik, eine Rolle. Aber Masochismus ist nicht Maoismus, und in China verlangt die Partei den Kotau, bedingungslos. Verfolgen Sie die internationale Presse/das Internet und die Kontroversen „unserer Zeit“ (im Englischen klappt die HK-Anspielung hier ungleich besser)? Binnen kürzester Zeit kam es zu einer ganzen Reihe thematisch verwandter Schlagzeilen und Kackstürme: Zuerst lenkten die ewigen Spielverderber Matt Stone und Trey Parker die Aufmerksamkeit auf den ständig wachsenden Einfluß Chinas und chinesischer Politik in der (nicht nur) amerikanischen Unterhaltungsindustrie, dann bemühte sich die Basketballprofiliga NBA in der causa Morey - der leitende Angestellte eines Sportunternehmens teilte auf Twitter einen Pro-Hongkong-Slogan und kostete seinen Arbeitgeber damit buchstäblich Milliarden - zu beweisen, wie treffend jene Vorwürfe sind, und endlich wollte das Videospielunternehmen Activision/Blizzard nicht nachstehen und erwies seinerseits der KPC einen Treuebeweis, wiederum im Hongkong-Kontext. Alles innerhalb nicht einmal einer Woche, man wußte gar nicht mehr, wo man als nächstes zum Boykott aufrufen sollte (auf amerikanischen Internetseiten! in der BRD ist die Meinungsfreiheit natürlich grundsätzlich den kommerziellen Interessen juristischer Personen nachgeordnet, Boykott damit ein „Pfui, Aus!“) und die Wortmeldungen amerikanischer Politiker überschlugen sich. Wäre man anfällig für Verschwörungstheorien, könnte man bei dieser Triplizität der Ereignisse glatt an eine konzertierte Aktion glauben, was natürlich Dummfug ist. En passant lernten wir noch, daß die Bilderbuchfigur Puh der Bär in China verboten wurde, nachdem Bürger begannen, ihre vermeintliche Ähnlichkeit zum Generalsekretär der Partei karikaturistisch auszuweiden – man könnte es sich nicht besser ausdenken! 

Immer mehr Beispiele kultureller Mißverständnisse, oder ganz direkt: westlichen Schwanzeinkneifens, gelangten verspätet (oder: erneut) an die Öffentlichkeit, bis hin zum schwäbischen Autobauer, der sich nach einem Tweet mit Photo und Zitat des Dalai Lama zu öffentlicher Selbstkritik genötigt sah. Für manch einen der erste wirklich überzeugende Grund, Klimakonservativer zu werden. (Was zeigt man eigentlich derzeit bei Daimler Contemporary?) Im übrigen glaube niemand, Fifa/Uefa/DFL verhielten sich im Fall der Fälle anders als ihr amerikanisches Basketball-Pendant.

„Well, you know what they say: ‘You gotta lower your ideals of freedom if you wanna suck on the warm teat of China’" (aus jener South Park Episode, die Parker/Stone die erhoffte Auszeichnung einbrachte, ihrer jegliche Erwähnung hinter der großen Firewall zensiert zu sehen). In der Kunst jedenfalls sträubt sich niemand gegen jener Quelle köstlichen Genuß. Längst ist zur Binsenweisheit geworden, daß jede noch so kleine Galerie „ihren“ Chinesen braucht, um den Traum am Leben zu halten vom neuen Origalchen, der einmal auf einer Shoppingtour auch diese Tür aufstoßen werde und dann, ja dann... Die Marktgrößen eröffneten bereits vor Jahren Dependancen in Shanghai, Peking oder Hongkong (werden in letzterem Falle jetzt die strategische Klugheit ihrer Entscheidung re-evaluieren). Und Museen, Sammlungen und Ausstellungshäuser wollen nicht hintanstehen.

 

Konfuzius sagt: „Stalten wir mit Stoschek“. JSC (B), Julia Stoschek Collection (Berlin), zeigt Werke Wangshuis, und lassen Sie mich das besser ausbuchstabieren: W-A-N-G-S-H-U-I, nicht F-E-N-G S-H-U-I. Wangshui ist ein New Yorker Kollektiv mit chinesischen Wurzeln und ganz untypisch ist die Ausstellung nicht von Gigantomanie geprägt, sondern eher klein mit kaum mehr als einer Handvoll Werke. Plastikduschvorhänge made in China - noch lagert man die Produktion nicht in die neuen afrikanischen „Besitzungen“ aus - trennen die unterschiedlichen Bereiche, ihr ganz eigener Geruch schickt den Besucher Proust-isch zurück in die Kindheit, zum Auspacken allen möglichen Spielzeugs (ich durchlebe hier gerad ein déjà écrit, kann es sein, daß ich die identischen Worte bereits in einem anderen Artikel verwendet habe?). Am Anfang steht eine Videoinstallation an vier Wänden mit dem Titel Garden of Total Exposure - "Garten der totalen Enthüllung" und das setzt sich nicht etwa fort „...von Leben und Gedanken gegenüber Staat und Partei“. Zunächst scheint das bloß technisch, Szenen aus dem Laboratorium, aber dann schälen sich Bewegungen heraus und beim Nähertreten entdecken wir in der Mitte des Raumes die physische Installation von der hier Liveaufnahmen gezeigt werden: Die Künstler bauten ein metallenes Terrarium - zu allen Seiten offen, den Bewohnern steht es frei, aus- und umherzuwandern, theoretisch - für viele gelbe kleine Seidenwürmer (sagen Sie jetzt nicht, die sähen alle gleich aus!). Im Verlauf der Ausstellung werden sie sich verpuppen und endlich in Motten verwandeln, spätestens dann ist es Zeit für den Besucher zu flüchten, sich und seine wollenen Winterpullis in Sicherheit zu bringen (stop, falsch, nur Raupen fressen Kleider).

Die Idee ist offensichtlich: China und seine Milliarden zwischen Vergangenheit und Moderne, alter Seidenstraße und der neuen, an der sie noch basteln. Die Kameras mögen auf chinesische Selbst- und Außenwahrnehmung verweisen, darüberhinaus spricht man von historisch kaiserlichen Gärten, die europäische Invasoren einst verwüsteten. PETA protestiert nicht gegen die Ausstellung, Stand jetzt.

 

Den folgenden Abschnitt durcheilen viele Besucher ohne das einzige Werk dort auch nur zu bemerken: eine künstliche Schlangen-, oder Drachen-!, –haut hoch über dem Eingang zusammengerollt. Kostüme steigen da ins Bewußtsein, unter denen sich Chinesen bei frühjährlichen Neujahrsfeiern weltweit verstecken, auch klassische Scherenschnitte. Wir hören außerdem von „Tentakeln“ und „Hydro-Dripping Technik“. Nächster Raum, nächstes Video: Eine Drohne umschwirrt einen Wolkenkratzer von Dimensionen wie sie nur die Chinesen noch imstande sind, oder wagen, zu errichten. Nicht in militärischer Mission, nicht in Vorbereitung eines Bombardements - das Gebäude findet sich bereits “durchlöchert“ und zwar ganz beabsichtigt: die mehrere Stockwerke auslassende Öffnung zeugt nicht von der Durchreise Godzillas (das wäre nebenbei bemerkt auch Japan), sondern dient dazu, „Energieflüsse“ passieren zu lassen – ist das das berühmte Qi? – wie in der Tat auch den allfälligen Drachen. Andernorts bemüht man sich mehr um Tauben, vielleicht ist das der Unterschied. Selbst wenn es um, na sagen wir einmal „außergewöhnliche Mitbürger“ (ist das so korrekt? wir möchten wahrlich keine Drachen*innen mit Zweifeln an ihrer Existenz diskriminieren!) geht, aber auch nicht einzigartig in der Welt, man denke an Island und – angeblich – um von Feen und Elfen besiedelte Hügel herumgebaute Straßen, im Falle des hyperkapitalistisch-kommunistischen Regimes (zwei Seiten einer Medaille, und die Unterschiede nivellieren sich zusehends) dennoch überraschend. Eine Stimme aus dem Off begleitet die Bilder und klingt dabei sehr gelangweilt. 

Noch eine Skulptur/Installation: ein Wasserfall aus Neonlichtern, angeblich eines „Kraken Zunge“ evozierend, mit Scherben davor, und das war es auch schon bei JSC.

 

Deportieren wir uns weiter an das Kulturforum, wo Micro Era – Medienkunst aus China mehr Video- und Multimediaarbeiten verspricht. Der Eingang findet sich (oder nicht) noch immer hinter einer Großbaustelle versteckt. Zur Eröffnung brachten die Gäste aus Fernost – nein, andersherum: Ein lokaler Süßwarenhersteller ließ es sich nicht nehmen, Gastgebergeschenke zu verteilen und nicht nur an die zahlreich erschienenen Vertreter der chinesischen Gemeinde (stop, das ist natürlich ein böses Vorurteil: es mag sich um waschechte Deutsche gehandelt haben, Franzosen oder Amerikaner – wir sind alle gleich, alle austauschbar). Die kleinen Marzipanwürfel waren einerseits lecker, ließen sich andererseits noch verpackt wunderbar nutzen, während der unvermeidlichen Eröffnungsreden eine Große Mauer zu errichten. Auch den oben angesprochenen Gästen schien es zu schmecken, hoffen wir für den Süßwarenhersteller, daß seine Exportträume in Erfüllung gehen und sich nicht etwa jemand entschloß, eine eigene Produktion zu starten, dem Meister des Originals in Nachahmung Verehrung zu erweisen... Es ist natürlich auch möglich, daß die erhoffte Finanzierungsrunde bereits stattgefunden hat (überprüft und nein: iranisch-deutscher Besitz). Der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller kam für eine Zusatzansprache vorbei, auf die traditionellen Brüderküsse verzichtete man allerdings. Bemerkenswerterweise wertete er – oder seine Berater - das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Peking damit höher als die zeitgleich stattfindende Eröffnung einer „100 Jahre Bauhaus“ Ausstellung an der Berlinischen Galerie. Das ist Forward Thinking, und nicht nur freitags. Ich muß gestehen, ihn auch nach mehreren Jahren in Berlin nicht auf Anhieb erkannt zu haben, im Ausschlußverfahren war das aber der Redner, dessen gefühlt jedes dritte Wort “ebendt” lautete.

Micro Era zeigt das offizielle China und seine geduldeten Künstler, der – zugegeben häufig enervierende und wohl auch charakterlich nicht ganz einfache - bald Ex-Berliner Ai Weiwei fehlt daher. Der scheidende Direktor der Nationalgalerie, Herr Udo Kittelmann, offenbarte keinerlei Spuren des Unwohlseins, als er eine „Jahrtausendealte Kultur“ pries, „von der wir viel lernen können“. Was und wen er genau damit meinte, Militär, Polizei, Tranplantationsärzte, behielt er für sich.

 

Die Eröffnung war sehr gut besucht, mag es an China – WiLlSt Du ErFoLg FüR dEiN uNtErNeHmEn, GeH nAcH cHiNa, Am EnDe DeS tAgEs” oder dem Besuch des Bürgermeisters gelegen haben, auch manch ein bekanntes Gesicht darunter, potentiell gar aus Film und Fernsehen (nein, ich kenne die Namen nicht, außer - war das wirklich Ben Beckers Sohn oder nur ein ca. siebzehnjähriges Double?). Zur Kunst: Lediglich vier Werke im ersten Ausstellungsteil auf der Etage, Videoarbeiten präsentiert im Dunkeln. 1.) Die Ansprache eines Papua-Neuguineaschen Politikers anläßlich der Neueröffnung eines lokalen Badestrandes in voller Länge und noch ein wenig uninteressanter als die Worte des Bürgerlichen Müllermeisters, nein: Bürgermeisters Müller! am Kulturforum. (Di Fang, Minister, 2001 - oder Fang Di? Nur gut, daß die Ausstellung nicht im bayerischen Sprachraum gezeigt wird!)

2.) Afro-Afrikaner tanzen auf afrikanische Weise zu afrikanischen Weisen, nicht gleich, sondern anders, vielfältig. Wohl kein Kommentar zur vielzitierten Rekolonialisierung Afrikas durch chinesische (Staats-)Firmen. – Moment, das kann natürlich auch noch Papua sein, Festivitäten zu Ehren erfolgreicher Kopfjäger vielleicht? Denn – Obacht, Ihr Kopf könnte explodieren, haben Sie die politisch korrekte Newspeak von "Afro-Irgendwas" als Bezeichnung für alle dunkel getönten Mitmenschen*innen internalisiert, selbst wenn deren Ahnen den schwarzen Kontinent zur selben prähistorischen Zeit verließen wie die unseren. Jener mittlerweile verfemte lateinische Begriff hatte zumindest den Vorteil, nicht so offensichtlich falsch zu sein, aber gut, Marketing ebendt, neue Sprache schafft neues Bewußtsein – das klappt im übrigen nie. (Fang Di, The Magical of Pipes, 2019). Derselbe Künstler, derselbe Dokumentarfilmstil,... da ist ein Muster. Künstlerstipendium/Residenz unter pazifischen Palmen? Mit der Bedingung, soundsoviele Werke mit regionalem Bezug zu kreieren?

3.) Szenen aus einer Fabrik, höchstwahrscheinlich in China und höchstwahrscheinlich Produkte fertigend, ohne die Millennials nicht leben können. Produkte, die natürlich ganz klimaneutral nach Europa und Amerika exportiert werden. Natürlich. Und der zu ihrem Betrieb notwendige Strom kommt aus der Steckdose, wie bei Elektroautos, aber wie sind wir jetzt wieder bei dieser Idiotie gelandet? Eine Pause nutzen die Arbeiter, moderne Zeiten, nicht zum Rauchen, sondern für eine roboterisierte Tanzchoreographie zu europäischem(?) Billigpop. 

4.) Mehr Arbeiter (männlich/weiblich/dinglich) beim Passieren von Sicherheitsschleusen, das könnte überall sein, vom Amazon/Alibaba Lagerhaus zu Foxconn – nein, halt, letzteres ist Taiwan, oder „Chinesisch Taipeh“, oder „China, nicht Rotchina“ (General Tschiang Kai-Schek gefällt das) - oder auch ganz was anderes. Das ist anonym, das ist identitätslos, das ist zeitgenössisch. Für beide letztgenannten Arbeiten zeichnet die Genossin Cao Fei verantwortlich. Wie wir erfahren, lud man sie, die ältere (Konfuzius sagt: Ehre den Alten!), bekanntere – nach neuchinesischen Maßstäben heißt das wohl: besserverkaufende – Künstlerin zuerst, welche dann den Kollegen dazuholte. Für die Work-Life/Beach/Dance Balance? Gemäß der offiziellen Dokumentation ist es Fang Di um die Themen Rassismus und Ausgrenzung gelegen, während sich Cao Fei Massenproduktion und langem Marsch der Technik widmet.

Folgt ein kurzes Intermezzo im Treppenhaus, wo ein erstes Werk Zhang Peilis Sie allein aufgrund der altertümlichen Technik – Röhrenfernseher! – an das bekannteste Werk asiatischer Videokunst überhaupt erinnern könnte. - Nein, nicht Hentai Kamen, Nam June Paiks TV Buddha (1975) natürlich! Peilis Werk datiert von 1988, das war ein Jahr noch bevor rein gar nichts jemals auf dem Platz des Himmlischen Friedens geschah, und zeigt den Künstler im typisch chinesischen Schneidersitz (argh, schon wieder so ein Stereotyp!) beim Zerschlagen eines Spiegels. Zerschlagen überkommener Ansichten über China, Zerschlagen von Vergangenheit und Tradition?

Der sich anschließende zweite Hauptteil beinhaltet vor allem Werke Lu Yangs im Manga/Anime–Stil (für die Älteren: asiatisch/coolsprech für Zeichentrick und Comics). Darin möchte der/die/das Künstler*In uns etwas zum „Gender“diskurs mitteilen, und das konnten "sie" ja schon immer gut: kopieren, jetzt also auch Ideen und Diskurse. Erörtern wir hier einmal nicht die Frage, warum Männer sich überhaupt in Frauen „verwandeln“ sollten, et vice versa, wenn uns ansonsten doch tagtäglich eingebläut wird, es gäbe gar kein „männlich“ und „weiblich“, beides seien bloß soziale Illusionen und damit (was im übrigen nicht logisch zwingend wäre) nichtig. Die neue Arithmetik: Ein Gender ist mehr als zwei Geschlechter, effizienter in jedem Fall.

Weitere Werke Zhang Peilis drehen sich um die Geschichte der Videokunst in China, unter deren historisch erste Vertreter er selbst zählte. Da sind wir eingeladen, die sich gegenüberliegenden Abteile einer schmalen Doppelkabine zu betreten – nur zu, es ist erlaubt! – darinnen wir Spiegel/Bildschirm und Kamera finden, und betrachten zeitversetzte Aufnahmen früherer Besucher. Alles in allem keine Kulturrevolution, mehr Regen- denn Lindwurm.

 

Und, für den Abschluß, Martin Gropius Bau. Werden wir hier noch ein bißchen „bloggiger“: Zurück zur Berlin Art Week Anfang September (im übrigen war jene Stoschek-Schau auch eine Station der Pressetour), als der Gropiusbau die Eröffnungs-PK organisierte. Das kam scheinbar gelegen, war mir doch die Woche zuvor ein Fehler unterlaufen, als ich drei Previews für denselben Mittwoch morgen notiert hatte, mich für die Berlinische Galerie entschied, abends der Eröffnung am Kulturforum beiwohnte und den MGB ganz ausließ. Tatsächlich hatte man dort für den Vortag geladen, als ich... gar keine Kunst sah. All das wird für Sie kaum von Interesse sein, dessen bin ich mir vollauf bewußt, aber können Sie wenigstens die Hoffnung nachvollziehen, am Tage der BAW*S-Konferenz die verpaßte Gelegenheit nachholen, und einen Blick auf eine dritte Ausstellung mit Chinabezug werfen zu können? Man hatte gar eine Kurzführung durch die nur halb aufgebaute Ausstellung Durch Mauern gehen angekündigt und ein BAW Mitarbeiter auf meine gemailte Frage nach Wu Tsang leicht irritiert geantwortet, der MGB sei geöffnet, also werde ein Besuch des ganzen Hauses möglich sein. Ich war mir da nicht so sicher. Und tatsächlich, kam der Montagmorgen, wurde aus Zweifeln Gewißheit: Zuerst fehlte mein Name auf der Teilnehmerliste zur PK (nicht weiter schlimm, so ein Termin ist keine Clubnacht, da geht immer was) und dann äußerten sich die Empfangspraktikanten sehr erstaunt ob des Extrawunsches, schickten mich aber trotzdem die Treppen hoch (wöchentliche Besuche des MGB sind die beste Vorbereitung für den Berlin Marathon) wo ich auf meine Nemesis in Person einer Aufsichtskraft traf. Niemand hatte ihr von irgendwelchem Pressequatsch im Erdgeschoß erzählt. KO in der ersten Runde, ohne eigenen Treffer. 

Wu Tang also, Wu Tang, Wu Tang, killah beez, n----z...! – nein, falsch: Wu Tang, das New Yorker Rapkollektiv der Neunziger Jahre hat rein gar nichts zu tun mit Wu Tsang, dem Künstler. Um es kurz zu machen: Ich habe die Ausstellung nicht gesehen. Was kein Hindernis darstellt, darüber zu sprechen, und das ist nicht unüblich im (Kunst-)Journalismus. Zu meiner – und gewisser Kollegen – Verteidigung sei aber angemerkt, Pressemitteilung und begleitendes Bildmaterial verschaffen einen im allgemeinen treffenden ersten Eindruck. In diesem Fall überzeugten sie mich nicht, fünfzehn Euro auszugeben (kein Tippfehler, der MGB kennt immer noch keine Ein-Ausstellungs-, sondern ausschließlich Ganzes-Haus-Tickets). Wu Tsang bringt mehr des immergleichen, westliche Geschlechtsproblematik, die übliche Traumabewältigungs-/Selbsthilfeliteratur im Kunstgewand. Dazu Einwander und nicht nach China oder Amerika, sondern Europa: Portraits jener, die ungleich Fang Dis Papuanern Heimat und Kultur hinter sich ließen und sich aufmachten gen gelobtes Land. Denkt man darüber nach... die vielzitierte Neokolonialisierung Afrikas durch chinesische (Staats-)Firmen könnte die Völkerwanderung tatsächlich aufhalten. Gaben die Ahnen der heutigen Emigranten nicht einst ihr Leben dafür, nicht länger im politischen Europa, unter europäischer Herrschaft, leben zu müssen, während ihre Kindeskinder heute das genaue Gegenteil tun? Einmal ganz unideologisch betrachtet, ist Rekolonialisierung womöglich nicht der schlechteste Ausweg für alle Seiten.

Wu Tsang ist ein*e chinesisch-amerikanische*r Künstler*in, sein*ihr Leben*in zwischen LA und Berlin aufteilend, der*die Ausstellungstitel*in lautet „There Is No Non-Violent Way to Look at Somebody“ – „Es gibt keine gewaltlose Weise, jemanden anzublicken“, worauf sich auf Anhieb drei Antwortoptionen aufdrängen: a) Doch, gibt es. b) Ja, ne du, überhaupt schon der Akt, seine*ihre Augen zu öffnen und externe Eindrücke zu konsumieren(!!1!) ist eine misophobistische Erfindung böser weißer Männer zur Unterdrückung der Welt, denn. Oder c) Dann laß’ es bleiben (Achselzucken und weitergehen). 

(Aus der Ferne un/betrachtet zumindest) Ein Beispiel für unpolitisch-politische Kunst, bloßes Wiederholen und Einhämmern modischer Parolen, die sowieso überall tägliche Wiederholung finden, wo bleibt da das Risiko?

 

Free Tibet.

 

Wangshui, Horizontal Vertigo, 12. September-15. Dezember Jahr des Schweins, Julia Stoschek Collection Berlin
Micro Era - Medienkunst aus China, 05. September-26. Januar Jahr des Schweins, Kulturforum
Wu Tsang, There Is No Non-Violent Way of Looking at Somebody, 04. September-12. Januar Jahr des Schweins, Martin Gropius Bau 

World of Arts Magazine - Contemporary Art Criticism

 

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BAW(S) 2019, Teil II: Die Ochsentour

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