Felsen, Glas und Leinwand: Bunte Steine am Georg Kolbe Museum

 

(Berlin.) Das Georg-Kolbe-Museum residiert in einer der wohlhabenderen Gegenden Berlins, die es tatsächlich auch gibt wie leicht vergißt, wer sich nur in den “künstlerischeren” Bezirken, Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg,... bewegt. Hier im Südwesten, an den Ausläufern des Grunewalds, ist die Welt noch in Ordnung und die obere Mittelschicht erfreut sich an sauberen Straßen, gepflegten Vor- und Hintergärten sowie dem obligatorischen Seeblick mindestens aus den oberen Etagen bourgeoiser Reihenhäuser und Kleinvillen – es ist nie weit zum nächsten See in Berlins Randbezirken. Als der Bildhauer Georg Kolbe Mitte der 1920er Jahre sein Atelier in die Nähe der Heerstraße verlegte, welche heute noch existiert und der nächsten S-Bahnstation ihren Namen gibt (das deutsche Heer erfreute sich einst ganz anderer Sympathien!) befand man sich fast schon außerhalb der Stadtgrenzen, doch ist Berlin erheblich gewachsen seitdem. Kolbe sehnte sich nach Ruhe, nach Stille unter den Kiefern, um sich ganz der Arbeit zu widmen in einem architektonisch nicht uninteressanten Bau: ernst doch entspannt, Bauhausig ohne Gigantismus und plebejische Tristesse. Fenster öffnen den Blick rahmengleich auf ebenjene Kiefern – heute zumindest noch die Ableger der einstigen – und gelegentlichen Vogelflug vor dem blauen Frühlingshimmel (es ist ungewohnt sonnig, wenn auch nicht warm, dieses Jahr). Leicht fällt es, sich pensionierte Studienräte, höhere Beamte und mittlere Ärzte vorzustellen, die auf ein Kännchen Kaffee mit Kuchen ins Café K einkehren, das einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zum Museumsbudget beisteuern könnte.

 

Um des Gastgebers Werke zu bewundern, gilt es dieser Tage draußen zu bleiben, im Garten, oder, tritt man einmal ein, sich in den Keller zu begeben (zuviel Sonne, oder gar keine). Kolbes Kunst schmiegt sich nahtlos in Milieu und Stimmung, humorlos erhabene, klassisch nüchterne, Athleten und Tänzerinnen, die mehr Arno Breker vorwegnahmen als Rodin, Barlach oder Brancusi zu folgen. Das überraschendste, “modernste”, Werk hier unten ist denn auch eine Installation des Museumstechnikers (bemerkenswert, daß es immer noch keine bessere deutsche Bezeichnung für den regisseur d’œvres/art handler gibt): En Wandregal voller Köpfe und Körperteile von Marmor und Bronze, daneben noch drei geschlossene Kunstsärge, hölzerne Transportboxen. iPads und Kopfhörer auf Bänken können zum Beleg für Wohlsituiertheit und Freigebigkeit des musealen Freundeskreises dienen, wirken dennoch fehl am Platze (Hauptsache absetzbar, nicht wahr?). Doch genug hiervon und täuschen Sie sich nicht: Kolbes Kunst ist mehr wert als nur einen flüchtigen Blick!

Der wahre Grund für einen Besuch im Grunewald dieser Tage ist - neben dem Wetter - eine temporäre Ausstellung im Erdgeschoß, mit der ein Kuratorenduo sein Volontariat beschließt. Ihr gewähltes Konzept lehnt sich nur grob an Georg Kolbe an und mehr (aber auch nicht zu sehr) an Adalbert Stifter und dessen Novellensammlung Bunte Steine von 1853. Stifter ist, wenn überhaupt, am ehesten noch bekannt im soliden Bildungsbürgertum der hiesigen Nachbarschaft. Poetische, nicht besonders aufregende (dies gar nicht sein wollende) Naturbetrachtungen auf vielen Seiten, wie sie Väter beim Karl May-Vorlesen immer als langweilig überblättern, nur besser. Stifter war k.u.k Österreicher und der Akzent zumindest einer Kuratorin scheint in dieselben Regionen zu deuten, während ein Künstler der Ausstellung, Stefan Guggisberg, zumindest Eidgenosse ist. Alpine Seilschaften? Und was sind Berge anderes als eine Menge Stein? Um es vorwegzunehmen: die Ausstellung ist gelungen!

 

Guggisberg ist der Quotenmaler zwischen Bildhauern (der Newsletter seiner umtriebigen Galerie schickte mich nebenbei bemerkt überhaupt erst hierher), und wer würde diese Wände schon weiß lassen wollen? Guggisberg ist großartig, zumindest (auch visuell) in kleinen Werken. Die beiden Großformate könnten leicht als zu dekorativ empfunden werden, um es ganz brutal zu sagen, passen sie mindestens ebensogut in Hotelflure und Konferenzräume wie in Museen und Warenlager von Kunstsammlern, aber jene Kleinformate: Exzellent! Was auf den ersten – und zweiten, dritten, gar vierten Blick noch – wie eine digital bearbeitete Photographie wirkt, ist in Wirklichkeit ein Ölgemälde, manuell bearbeitet mit einem Radiergummi, die aufgetragenen Farbschichten wieder abgekratzt, und wieder aufgetragen, und wieder und wieder. Der Einsatz von Schablonen sorgt für klarste Linien und scharfe Kontraste. Kann man das skulptural nennen? 

Ein Berg, viele Steine, bedeckt mit blassen Farbtupfern, darunter ein blauer Kugelblitz, der manchen ganz groß denken lassen mag, an Jeff Koons’ Serie von Marmorstatuen mit blauen Bällen. Diese erklärte das amerikanische Verkaufsgenie zu Bedeutungsträgern für – naja, irgendetwas, hin zu griechischer Philosophie und dem Betrachter selbst. Guggisbergs Kollision mag auch so manchen Sinn in sich bergen. Schade, daß viele Besucher nur denken, “ein Photo“, dann weitereilen, in Ermangelung von Etiketten neben den Werken (es gibt kleine Broschüren zum Mitnehmen, aber das ist einfach nicht dasselbe: man muß sie tragen, aufschlagen, in ihnen blättern...). Andere Kleinformate sind nicht weniger imposant in ihrer Feinheit und dem wohlbedachten Farbeinsatz, und die gemütliche Museumsbuchhandlung offeriert gar eines, kleiner noch als die an den (übrigen) Wänden, zum Mitnehmen, aber nicht kostenlos. Diese Galerie ist professionell!

 

Die Bilder begleiten Werke zweier ausgewiesener Bildhauer, William Tucker und Kai Schiemenz. Tuckers Abwesenheit von der anderen zur Zeit stattfindenden Berliner Skulpturenausstellung, Deutsche Bank-Tates British Sculpture am Palais Populaire, überrascht manchen Kenner, der Grund könnte im Wechsel seiner Staatsbürgerschaft von britisch zu US in den 1980ern liegen, bei den ansonsten eher laxen Auswahlkriterien wäre dies allerdings bemerkenswert. Nicht unbedingt als Innovator bekannt, zählt Tucker doch zur Riege der Etablierten, er mag sogar noch mehr für sein Buch The Language of Sculpture ("Die Sprache der Skulptur") von 1977, das immer noch Standardlektüre an vielen Kunsthochschulen ist, bekannt sein als für seine eigentliche künstlerische Arbeit.

William Tucker ist ein glühender Verehrer Rodins, Brancusis und anderer Modernisten, seine hier vorliegende Serie besteht aus Geröllkugeln vielerlei Größe, von Schrumpf- zu Wasserkopf, ausgeführt in einem Maß der Abstraktion das die – beabsichtigte – menschliche Form hinter dem Meteoriten nur andeutet. Auf die Erde gestürzt, ins Leben geworfen, tragen die Objekte sichtbare Spuren ihres Schaffensaktes, Dellen, Furchen, Risse - so fern von allem das Kolbe je tat! Erst aus der Nähe zeichnen sich Gesichter ab, schreiende, schmelzende Fratzen, wer in Bildern denkt, mag „Bacon“ denken. Ist man vorgewarnt, erkennt man tatsächlich Brancusis Schlafende Muse in einem Werk wieder, sonst eher nicht. Tucker mag ein bißchen aus der Mode gekommen sein, ist aber immer noch alleine das Eintrittsgeld wert und wäre es auch in größeren, teureren, Räumen als denen des Kolbe-Museums.

 

Der dritte im Bunde, Kai Schiemenz, hörte Bunte Steine und - “Sprecht nicht weiter, ich weiß was Ihr braucht!” Sein Beitrag sind Glasbrocken, regenbogenbunt oder monochrom, näher am Edelstein, oder Glasperlen, als an klassischer Glasmalerei. Die ganze Veranstaltung hier heißt Bunte Steine und die liefert er auch! 

Mithilfe einer traditionellen Technik, die ebenso zeitraubend wie schwer zu kontrollieren ist, schuf Schiemenz die gläsernen Formen als Kopien von Brocken aus einem Steinbruch.

Mit einer Ausnahme präexistierten die Werke aller Künstler die Idee zu der Ausstellung. Jene Ausnahme ist eine kleine Figur Schiemenz’ den Ötzi darstellend, jene steinzeitlich österreichische Eismumie, die nach ihrem Wiederauftauchen – und –tauen! – vor rund dreißig Jahren zur Berühmtheit und zum Tourismusmaskottchen Südtirols wurde. Dürrer als der Yeti, repräsentiert der steinerne Ötzi mehr die Mumie als den Mann.

 

Dazu lud man noch einen Soundkünstler, doch nur für einen Abend, eine permanente Audioinstallation hätte der Ausstellung an sich zwar nicht geschadet, aber möglicherweise die Stammgäste irritiert. Vor diesem Hintergrund sollte auch nicht der Verdacht aufkommen, bei dem monochrom weißen Wandpaneel neben einem weiteren kleinen Guggisberg handele es sich um einen verirrten Rauschenberg oder Ryman - es verbirgt tatsächlich nur Steckdosen und Kabel.

 

Colourful Stones, 23. Februar-1. Mai 2019, Georg Kolbe Museum

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