Energische Kunstwende? Rundgang 50 Hertz 2019, Präsentiert von der Nationalgalerie

 

(Berlin.) Ich habe gezögert. Ganz ehrlich. Ist es in Ordnung, einen jungen Künstler für seine erste Ausstellung zu verreißen, oder um genau zu sein: die erste Ausstellung dreier junger Künstler in etwas größerem Rahmen? Eine Kritik sollte schließlich keine Kurzschlußreaktion sein (selbst wenn sie anderenfalls besonders interessant zu werden vermag). Und ist nicht die Initiative an sich zu begrüßen, die Initiative eines staatlichen Energieversorgers, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst an seinem Stammsitz zu präsentieren – selbst wenn es nur eine jährlich ist? Auf der anderen Seite, sind sie nun nicht dem Akademiebetrieb „entschlüpft”, graduiert, sollten das inzwischen zumindest sein, das ist schließlich das Konzept dieser Rundgänge bei und mit 50 Hertz: Einige der besten der besten der Talente unter den Diplomanden deutscher Kunsthochschulen auszuwählen und vorzustellen. Haben sie damit nicht den entscheidenden Schritt hinaus gewagt, in eine mitunter auch feindselige Welt? Und vergessen wir nicht, ein Künstler dem es ernst ist mit der Karriere im Kunstbetrieb, sollte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere öffentliche Ausstellungen in seinem Lebenslauf notiert haben, von denen dieser dann nur ein potentiell höheres Renommée zukommt. Darüberhinaus ist auch noch eine Jury involviert und die besteht nicht aus Elektr(oni)kern und (Software) Ingenieuren, sondern wird von dem so omnipräsenten wie obskuren Konstrukt „Berliner Nationalgalerie“ gestellt. Einigen wir uns einfach darauf, daß, wenn hier jemand scheitert, es die Jury ist und letztenendes wollen wir auch nicht übertreiben: der Rundgang bleibt hauptsächlich eine Privatveranstaltung für Angestellte des Energieversorgers, kaum mehr als eine Handvoll externer Besucher wird sich hierher verirren in die unmittelbare Nachbarschaft des Hamburger Bahnhofs (also ungefähr so viele wie dieser Blog Leser zählt). 

 

Auch wenn noch nicht alles rund läuft, bleibt den teilnehmenden Künstler genügend Zeit, die Berufswahl vielleicht noch einmal zu durchdenken, nur für den Fall, daß das mit der Kunst doch nichts wird. Für so manchen unter ihnen eröffnen sich da ganz logische Möglichkeiten. Non scholae, sed vitae... sogar Kunsthochschulen können auf das Leben vorbereiten, wenn man es nur richtig anstellt. Man nehme zum Beispiel Thomas Mader: Er verbrachte all die Freizeit, die ein Kunststudium eröffnet bei der intensiven Lektüre von Bilanzen und Geschäftsberichten in der internationalen Immobilienbranche aktiver Investmentfonds, studierte jedes einzelne Dokument in den Investor Relations Sektionen ihrer Webseiten und vielleicht gar noch mehr - wer weiß schon, welche Türen sich einem jungen Künstler öffnen, wenn er nur lieb bittet? 

 

Mader nutzte das angelesene Wissen dann jedoch nicht für Bewerbungen um ein Praktikum in ebenjener Branche, eine 90-Stunden-300K-Anstellung in einer Unternehmensberatung oder auch nur, um sich seine ersten Milliönchen dazuzuverdienen – nebenbei mag er das natürlich auch getan haben, ohne groß darüber zu sprechen -, sondern verarbeitete es in einer eher sperrigen Installation. (So groß mögen die Unterschiede gar nicht sein, finanzielle Zahlenschiebereien können recht künstlerisch werden, von der „starken”, kreativen, „Gauner-“ Persönlichkeit ganz zu schweigen die es mutmaßlich in beiden Branchen braucht).

Angesichts dieses Kunstwerks können wir uns nur eines sicher sein, des vorausgesetzten Fazits: Investmentfonds=böse, Staatliche Wohnsilos=gut, und auch das nur, weil es sich hier um (und mit) Kunst aus Deutschland handelt. Wie Mader sein Publikum zu der Einsicht führen möchte, bleibt dabei eher unklar. Wir sehen Säcke voll Dämmaterial vor einer graffitibedeckten Lärmschutzwand. Die Säcke tragen kleingedruckte doch nicht wirklich versteckte Inschriften, in ihrer Direktheit wohl eher fiktive Aussagen aus jenen Dokumenten, Geschäftspraktiken und –ethiken zusammenfassend: “Schätzungen des zukünftigen Bevölkerungswachstums wurden angesichts erhöhter Zuwanderung in die Stadt nach oben angepaßt. Das Unternehmen beobachtet potentielle Bedrohungen für die Geschäftstätigkeit”, “Das Unternehmen erwartet fortwährende politische Angriffe auf Immobilienbesitzer. Die von uns in der Vergangenheit aufgezeigten Trend werden sich weiter intensivieren”, “Das Unternehmen hat keine Führungskräfte, Angestellten, oder internen Abläufe. Derweil bringen wir unser Portfolio weiter zum Schwitzen” (Ich sag’s ja: anonyme Großkonzerne in Streubesitz sind auch nichts anderes als VEB).

 

Kenntnisse der Berliner Situation mögen vonnutzen sein. Da sehen wir einerseits das Tempelhofer Feld brachliegen, auf dem mit Leichtigkeit ein Stadtteil mit Wohnraum für Zehntausende entstehen könnte (und ein neues Hertha-Stadion noch dazu), würden die Berliner nicht noch gegen die zaghaftesten Pläne zur Bebauung Sturm laufen. So aber bleibt es exklusiv der Nutzung als weltgrößte – und –teuerste - Inlineskate-Bahn vorbehalten, neben einem Containerdorf für Asylanten. Andererseits protestieren dieselben Berliner auch gegen eine wahrgenommene Wohnungskrise, die sich in steigenden Mieten äußern würde (sie bewegen sich immer noch auf einem geradezu lächerlich niedrigen Niveau in den Augen eines jeden der seinen Wohnsitz einmal in einer beliebigen anderen Metropole der entwickelten Welt gehabt hat; wenn man sich dann allerdings überlegt, daß Berlin von jenen auch die mit Abstand häßlichste ist, mag das doch wieder hinkommen mit der Logik). Common (non-)Sense hat fremdländische Immobilienfonds als die bösen Buben ausgemacht, und darüberhinaus eigentlich jeden der es wagt, ein Mehrfamilienhaus zu besitzen und zu vermieten. (Airbnb wurde vor geraumer Zeit schon so gut wie verboten, wenn man in dieser Welt auf eines vertrauen kann, dann ist es die deutsche Bürokratie mit ihrem Hang zur Reglementierung; man muß seine Beamtenstelle ja rechtfertigen). Mißverstehen wir uns nicht, Hedge Fonds Manager verdienen – und benötigen ganz sicher – nicht unser Mitleid, aber die populistischen Alternativen von Enteignung hin zu staatlich verwalteten Wohnmaschinen sollte Ihnen nicht weniger Schauer über den Rücken jagen. 

 

Ganz allgemein kennt Deutschland nicht die Immobilienmilliardäre und Slum Lords anderer Staaten der freien Welt. Was aber Thomas Mader betrifft, hat er mit diesem Projekt zumindest seinen Fleiß und den Willen unter Beweis gestellt, sich in ein Projekt zu “verbeißen” und dafür ausgiebigste Datensammlungen zusammenzutragen. Weiter so, und Warren wartet schon.

Zuweilen nur wünscht man sich, Kunsthochschulen würden ihren Absolventen vermitteln, daß es auch cool sein kann, das fertige Werk nicht minder wichtig zu nehmen als die zugrundegelegten Thesen und Informationen. Gewagte Annahme: Jene, die sich für minimalistische Installationen begeistern, schätzen auch profunde schriftliche Analysen. Möchte man gegen die Immobilienindustrie agitieren und wählt dazu den Weg der Kunst statt eines Essays, um das Ergebnis ansprechender zu gestalten und seine Ideen besser... verkaufen zu können, sollte man es auch richtig machen und jene äußere Form nicht zu sehr vernachlässigen. Anderenfalls könnte das resultierende Werk als Objekt zweck- und nutzlos erscheinen. ... Was natürlich als höchstmögliches Kompliment für jedes Kunstwerk gelten kann! Themawechsel.

 

“Get rich or die tryin’” – noch eine andere Künstlerin hier hat eine vielversprechende Alternativkarriere in Aussicht, wenngleich die etwas weniger profitabel ist als Investment Banking und Immobilienspekulation. Was auch geschieht, für Cora Czarnecki wird sich immer einen Platz in Grafikdesign oder der Regie von Musikvideos und Werbefilmen finden. Bei 50 Hertz porträtiert sie – oder dokumentiert das (semi-)professionelle Leben der – Mitglieder eines Musikkollektivs mit Namen Die Schmutzigen Teenager. Von Musikvideos, Konzertaufnahmen aus den Gewölben kleinstädtischer Jugendzentren und kurzen Interviewschnipseln, die abwechselnd und parallel zueinander auf zwei Bildschirmen laufen – halt: das ist natürlich eine “Zweikanal-Videoinstallation!” - sind sich zu einem Gesamtbild fügende Internet Meme und Emoticons noch der eindrucksvollste Teil. All das ist auch noch autobiographisch, oder zumindest ein Werk partizipativer Feldforschung, die Künstlerin ist selbst ein Mitglied des Kollektivs. “Leude, jetzt macht ma’ einfach weiter so und tut so, als ob ich garnich da bin!”

 

Straight outta Leipzig, erinnern diese Dreckigen Teenager an eine 1980er Jahre Rapband, eine weiße `80er Mittelschichtrapband. - Warum wirkt das so häufig albern und peinlich? “Schmutzig” und “Teenager” ist auch beides gelogen, oder ein sehr konzeptueller Bandname, besser träfe es wohl Die Sauberen Studenten*innen (männlich/weiblich/dinglich), die vor einigen Jahren als Teenager noch stets ihr Zimmer aufräumten und Freitags gegen den Wetter demonstrieren. Bald beginnt für sie das Berufsleben, als Lehrer, Journalisten und Art Directors, sie waren nie in einer Gang, nie im Knast, nie in einem Drive-by-Shooting, haben keine Street Cred whatso-effin-ever (Hey, das sind nicht meine Klischees, das sind HipHops!). Stattdessen: “Ja, äh, der Neoliberalismus...” Was, wenn Mumble Rapper doch die besseren Texte haben? 

 

Dem allen haftet hier ein Hauch von Kindergeburtstag an, alles so nette liebe Jungs und Mädels selbst in den gewollt verwegensten Gangstaposen; Mama hat gesagt: “Geht mal schön in den Garten, Rapper spielen, ich bin dann gleich wieder da!” Alle Fragen von Style und Attitude beiseite, klingt das auch nicht besonders fresh, schrieben Musikkritiker hier noch “sh—‘s not lit”? In der Theorie ist es natürlich immer eine gute Idee, die repetitiven Ästhetiken der durchkommerzialisierten Musikindustrie anzugreifen, und Kunsthochschulen spucken auch ganz passable Pop acts aus (man denke an ∆), doch sollte die Alternative mehr beisteuern als (potentiell selbstironisch gemeinte) Posen. Cora Czarnicki aber wird ihren Weg machen, vielleicht einmal Werbespots für staatliche Energieversorger drehen. Es könnte schlimmer sein: Sie könnte YouTuber sein, oder “Influenza”. Word.

 

Schon der letzte Künstler in der Ausstellung – Ich war schon vor zwei Jahren zur Premiere da und dieses Mal fühlt es sich deutlich kleiner an, sind das weniger Künstler oder bloß weniger Werke? – ist der interessanteste: Adrian Altintas zeigt sehr, sehr, sehr, nein wirklich: sehr reduzierte minimalistische Gemälde. Auf den ersten Blick, aus der Entfernung, gänzlich ununterscheidbar vom Untergrund, einfarbige Leinwände, weiß auf weiß, dann, ein paar Schritte nähergetreten, ist das immer noch das gleiche, verschwommene Lichtreflektionen vielleicht, Schatten von irgendwo aus dem Raum gefallen, auf den dritten – nein, stop: von ganz nah erkennt man schließlich (etwas) mehr, nur ganz zart angedeutete Abstraktionen. Nicht, daß es das nicht früher schon gab, aber dennoch gut gemacht! Da ist dann auch noch einiges an Blabla, Altintas sammelt Handyphotos in der Stadt und Screenshots aus dem Web, rückprojiziert das alles auf Leinwand, nutzt auch ganz eigene Materialien, etc. Begrüßen wir einen Künstler, dem das fertige Produkt seiner Arbeit (zumindest aus der Nähe betrachtet) nicht weniger wichtig ist als der Prozeß der ihn dorthin führte; Recherche, Konzept, Idee UND materielles Kunstwerk.

 

Ein, zwei Wochen später besuchte ich die Eröffnung einer kleinen Ausstellung in einer kommunalen Stadtteilgalerie, drei Diplomanden wurden da mit einem „Preis des Präsidenten der UdK“ausgezeichnet und das war tatsächlich alles deutlich besser. Da hatte ich diesen Text allerdings schon begonnen, also begnügt Euch damit.

 

50 Hertz Rundgang, 5.-30. Juni 2019 

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BAW(S) 2019, Teil II: Die Ochsentour

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