Einmal Karatschi und zurück: Bani Abidi, They Died Laughing am Martin Gropius Bau

 

(Berlin.) Bani Abidi lädt am Martin Gropius Bau zu einer virtuellen Reise nach Karatschi. In ihren Werken – hauptsächlich Videos – zeichnet die pakistanische Künstlerin ein atmosphärisches Portrait ihrer Geburtsstadt, in der sie neben Berlin auch immer noch einen Wohnsitz unterhält und verschweigt dabei nicht die Probleme und Gefahren, denen sich die Bevölkerung täglich ausgesetzt sieht. 

Orientalisch angehauchte Dudelsackklänge empfangen den Besucher und es dauert eine Weile bis es gelingt, hier das Star Spangled Banner, also die US-amerikanische Nationalhymne herauszuhören. Der zugehörige Film zeigt in einer ersten Multi-Schirm-Präsentation eine Gruppe Männer im Schneidersitz auf Teppichen hockend, manche die Musikanten, andere nur stille Teilhaber, und was bedeutet die Uniform des einen, rot, irgendwo zwischen kanadischem Mountie und Britischer Ostindien Kompanie zu verorten? Wäre das Kunstwerk nur wenige Dekaden älter, man dächte an Sgt. Pepper, wähnte die Beatles auf einer weiteren Tournee zu ihrem Guru, heute aber wandert der Trek in die entgegengesetzte Richtung, Amerika zu, ein "local player" überall. Daneben, und darüber, stehen andere Einflüsse, sind es andere Traditionen, die das islamische Nordindien - ups, das war jetzt ein Fauxpas, der Name ist selbstverständlich Pakistan!, dominieren. Käme man unvorbereitet hierher – und ganz grundsätzlich ist das bei jeder Kunstausstellung zu empfehlen -, dächte man gar nicht unbedingt an den Subkontinent, wähnte sich vielmehr in die Golfregion versetzt, nach Dubai, Katar, Saudi-Arabien, vermutete in jedem Hintergrund noch Stadionbaustellen für die WM 2022. Selbst die diamantene Form in der Abidi so manch eine Leinwände anordnet, weist in die Richtung tausendundeiner Ornamente. Seit Jahrhunderten besteht da ein kultureller Austausch und zumindest was das Personal betrifft - Osama hin und Arbeitssklaven für jene WM-Baustellen zurück - gereicht der nicht unbedingt beiden Seiten zum Vorteil, aber wir schweifen ab.

 

In wohltuendem Kontrast zu Bollywoodfilmen sind diese hier Gesangs–, ja gänzlich sprachlos (zumindest hören wir keine artikulierten Worte, aber das ist in Bollywood- gut). Stattdessen Hintergrundgeräusche, Straßenlärm und deutsch– oder englischsprachige Untertitel. „No Comment“ – gibt es die Sendung auf EuroNews noch (gibt es den Sender überhaupt noch)?

In Bani Abidis Pakistan besteht das Leben zu einem großen Teil aus Warten, ob in Straßen, vor Kinos (drinnen ist eine ganze Reihe für nahende VIPs reserviert – haben wir schon einmal über die Berlinale-Jury in Pressevorführungen gesprochen? nebenbei: die Filme der Berlinale-erfahrenen Mariam Ghani können einen Ausstellungsbesuch komplementieren, wenngleich sie aus einem anderen „-stan“ stammt), in Hotellobbies und Verkehrsstaus: Von uniformierten Schulkindern zu mit vielen, großen, Orden dekorierten Honoratioren: Leben ist warten. Womöglich auch in einem übertragenen Sinne, auf Veränderung, dauerhaften Frieden und Sicherheit. Denn (Un-)Sicherheit lautet ein anderes Leitmotiv hier, oft gehen beide Hand in Hand und nicht nur an Flughäfen wie anderswo in der Welt.

 

Nicht alles ist Video, Bani Abidi kann auch zeichnen, wie eine Serie lachender Gesichter, die der Ausstellung auch den Titel leiht, beweist: They Died Laughing („Sie starben lachend“ – das verheißt nichts gutes für das weitere Schicksal der Porträtierten). Festgehalten, erstarrt, verzerrt in Lachen - oder Weinen? Freud' und Leid' sind dem Außenstehenden nicht immer unterscheidbar, ist das eine spezielle Form von Galgenhumor? Daneben gewährt eine Serie ausgedruckter Digitalzeichnungen Einblicke in die unvermutete Artenvielfalt der Gattung „Straßensperre“, zahlreiche Spezies sind gar in der Region endemisch. Wie jeder gute Feldforscher, hielt auch Abidi für alle dokumentierten Exemplare den jeweiligen Ort der Sichtung fest. Viele Metropolen der Welt haben ihre ganz eigenen Wahrzeichen, offizielle und solche, die nur den Einwohnern und besonders scharfsichtigen Touristen vertraut sind. In Berlin sind das offenliegende Etappen der Kanalisation, bunte Rohre, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen, sich entlang und hoch über Straßen und Gehwege zu schlängeln, während Paris mobile Gitterzaunelemente kennt, die überall bereitstehen, der nächsten gewalttätigen Demonstration, dem nächsten zu energisch sich bahnbrechenden Touristenstrom Einhalt zu gebieten, und Karatschi bietet dem Beobachter Straßensperren und Betonblöcke. Nebenbei spielt die hochmoderne Technik dieser Zeichnungen auf die in der Realität ganz und gar nicht schrankenlose digitale Welt an. Jene Sperren sind natürlich längst auch gen Westen migriert (rund um die Berliner Gedächtniskirche hat sich zum Beispiel seit einiger Zeit eine stabile Population angesiedelt), woran gewisse aus Pakistan und verwandten Kulturkreisen stammende Zeitgenossen nicht unschuldig sind. Abidi zählt aber selbstverständlich zu den ersten Opfern jenes Phänomens. 

 

Wir werden Zeuge ganz unterschiedlicher Szenen aus dem pakistanischen Alltag bis hin zum Zoobesuch – die betreffenden Familien äußern sich in den Untertiteln sehr entrüstet über kopulierende Schildkröten. In einem ungleich ernsthafterem Werk hören wir von dem Attentat auf einen lokalen Markt – und einem zweiten, während Abidi noch an ihrem Film arbeitete. Jene Straßensperren dienen nicht nur zur Zierde, wenngleich auch sie keinen absoluten Schutz bieten können. Seit den Ereignissen wurden die Sicherheitsmaßnahmen abermals verschärft und die Bewegungsfreiheit in dem betroffenen Stadtteil stark eingeschränkt. Die Künstlerin entschied sich, in diesem Film ausnahmsweise auch Menschen zu Wort kommen zu lassen, das Schweigen der Trauer im Bericht über den Tod zu brechen. 

All dem Elend zum Trotz aber hat man in Pakistan noch nicht allen Sinn für Humor verloren, den Willen zum Widerstand und (Über-)Leben. Bani Abidi erzählt uns von einem Rekordversuch für das Guinness-Buch, absurd wie fast alle Einträge: Ein Pakistani versucht da, seinen Landsmann zu übertreffen, der einmal einhundertfünfzig Nüsse in gegebener Zeit knackte – per Kopfstoß. Es könnte sich um Performancekunst handeln (hoffen wir nur, jene, die die Bombe bewachen, schlagen ihre Schädel seltener gegen Tischplatten). Eine lokale Behörde untersuchte den ungenehmigten Aufbau von 150.000 Stühlen, das isr jetzt aber ein anderer Rekordversuch - offensichtlich schätzt man dortzulande sein Guinness, zumindest in halal-er Form (sind nicht alle Wetten haram?). In diesem Fall wollte man 150.000 Menschen in einem Universitätsstadion die Nationalhymne singen lassen, nur leider war die Organisation von sympathisch-südländischer Lässigkeit geprägt, wir erfahren von „unechten Beamten“ und fehlenden Formularen. Die Veranstaltung mußte im letzten Moment abgesagt werden weil zuwenige Teilnehmer auftauchten (aus Furcht vor ungeladenen Gästen etwa, die für eine zu "explosive" Stimmung sorgen könnten?). Und man hatte sich doch soviel Mühe mit den Vorbereitungen gegeben, extra für jeden Teilnehmer eine Geschenkbox mit verzierter Tischuhr vorbereitet!

 

Andernorts am Gropius Bau gibt es dann noch Poster zum Mitnehmen, immer wieder gern gesehen und in diesem Fall mit Filmphotos und Dialogfetzen bedruckt. Kleine Anekdote am Rande: Die Künstlerin – oder ihre Galerie – hat es gerne ordentlich, bei der Vorbesichtigung wurde ich Zeuge eines Disputs mit einem Wachmann, der ganz entgegen dem Klischee das man von seiner Berufsgruppe hegen mag, die oberen Zettel im Stapel querlegte, Besucher zur Mitnahme zu ermuntern. - Man bevorzugte einen planen Block, am Ende obsiegte der Kompromiß. Fast schon sinnbildlich.

Erblicken Sie Bilder eines improvisierten Marktstandes an einer staubigen Landstraße im pakistanischen Nirgendwo, mit dem Schild „Documents“ (Dokumente), denken Sie dann: „Da also gibt es den syrischen Paß, sollte man einmal einen Umzug in die EU erwägen!?“ Nein? Gut, das wäre nämlich auch ein höchst unanständiger Gedanke (außerdem gibt es jene bestimmt noch auf den Rakete-betriebenen Fährschiffen, sollte Bedarf bestehen). Dieser Film Abidis behandelt ein ganz anderes, geradezu entgegengesetztes Thema, die Einwanderung NACH Pakistan und innerpakistanische Reisebeschränkungen nämlich, bürokratische Hürden also, die jener entgegenstehen. Lieber Gropius Bau, es ist höchstlöblich und geradezu vorbildlich, daß Ihr kostenlose Gratis-Katalögchen verteilt mit Kurzinfos zu jedem einzelnen der ausgestellten Werke, aber wenn man darin dann von „paranoiden Reisevorschriften“ liest... habt Ihr Euch die Filme eigentlich auch angesehen? Auch den über die Selbstmordanschläge? Könnte sich das Leben in Karatschi eventuell doch, in Nuancen zumindest, von dem in einer kuscheligen Altbau-WG in Prenzlauer Berg unterscheiden? Könnte es nicht möglicherweise, jetzt nur einmal ganz hypothetisch gefragt, paranoider sein, ausschließlich per Fahrrad transportierte Biotomaten aus Böden in denen noch nie ein Karnickel starb - die also vegan ernährt sind, die Tomaten! - zu verspeisen, „wegen den Giften und so“, als in Pakistan(!) etwas genauer hinzuschauen, wer wohin fahren möchte und mit welchem Gepäck?

 

Fast am Ende der Ausstellung findet sich eine Art Rauminstallation mit vielen Filme neben- und durcheinander, in einem Sammelsurium von Objekten, Dokumenten und Photos. Da sieht man zum Beispiel Kameltreiber ganz traditionell ihre Habseligkeiten transportieren, allen Reisebeschränkungen und Kontrollen zum Trotz, und findet sich im übrigen wo man auch geht oder steht, fast buchstäblich in einen der Filme versetzt, da der eigene Schatten unweigerlich auf eine Leinwand trifft. Eine wahrhaft immersive Erfahrung! Dahinter folgt dann noch eine Reihe historischer Röhrenfernseher mit älteren Arbeiten der Künstlerin aus den frühen 2000ern, darunter Aufnahmen von Nachrichtensprechern aus Indien und Pakistan, die in je eigener Rhetorik über einen Handelsstreit(?) um Hühner und Eier berichten. Was kam zuerst: Huhn oder Ei (und Krieg oder Terrorismus)? Auch sehen wir die Künstlerin beim Verspeisen einer Mango und das Werk endet nicht etwa mit den Worten, „Um, my name is Bani Abidi and I’ve just finished eating a... a mango!“, sondern im Streitgespräch mit einer indischen Freundin über die Vorzüge der je eigenen, „nationalen“ Mango. Die Moral von der Geschicht’ lautet ganz offensichtlich: “Hey, das sind alles Mangos, alles ein Obst, Äpfel wie Birnen, und Ihr auch, Ihr seid alle gleich!“ Aber,... aber. Es ist nicht per se schlecht, einen Unterschied zu machen. Die mentale Schöpfung von Welten ist ein genuines Vermögen des Menschen und notwendige Voraussetzung für die Existenz kultureller Vielfalt, von Kultur - und Sinn - überhaupt. Welten, Unterschiede, erfunden, beschworen, in Existenz gesprochen, das ist dem „natürlichen“ Nichts keineswegs unterlegen. Also ja, macht weiter, bevorzugt Eure je eigenen Mangos, behauptet und setzt warum sie besser sind als die aller Nachbarn, denn dann, und nur dann, gibt es auch tatsächlich unbegrenzt viele verschiedene Mangos. Das muß nur nicht gerade bis in den (Atom-)Krieg führen. 

Viel mehr noch läßt sich in dieser Sommerausstellung entdecken, die sicherlich einen Besuch lohnt und ganz ohne Sicherheitsbedenken zu empfehlen ist.

 

Bani Abidi, They died laughing, 6. Juni-22. September 2019, Martin Gropius Bau

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BAW(S) 2019, Teil II: Die Ochsentour

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