Breakdance und Ballett, VR und ein Mönch – Moderne Zeiten am Hamburger Bahnhof und der Alten Nationalgalerie

 

(Berlin.) Wie jeder andere Marktteilnehmer auch fühlen sich zeitgenössische Museen - und nicht allein solche zeitgenössischer Kunst - in der Pflicht, sich und ihre „Produktpalette” stets zu erneuern, immer breitere Bevölkerungsschichten zu erreichen und nicht zuletzt sich dem Konkurrenzdruck der Massenbespaßung zu beugen, denn „wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ („am Ende des Tages“). 

Da versucht man dann, sich immer wieder neu zu erfinden, biedert sich dem Zeitgeist und neuen Technologien an in der Hoffnung auf die großen Schlagzeilen, „das nächste große Ding” zu werden, für einen Monat oder zwei. Manchmal allerdings entpuppt sich die großangekündigte und –beworbene Innovation bei genauerem Hinsehen als gar nicht so bahnbrechend. 

 

In diesem Frühling präsentiert der Hamburger Bahnhof regelmäßige Aufführungen einer Breakdance-Kompagnie, und immer wieder beharrt der Direktor der Nationalgalerie (keine Sorge, hier folgt keine weitere Erörterung der Bizzarerien der Berliner Kunstwelt; begnügen wir uns mit der Feststellung, niemand wisse, was die „Nationalgalerie“ – nicht die Alte, noch die Neue, sondern beide und mehr, eigentlich sei, das ominöse Konstrukt bündelt aber fast, oder sogar alle öffentlichen Ausstellungshallen Berlins), Udo Kittelmann auf der Neuartigkeit der Idee, noch niedagewesen und von “manchen” (wem?) mit Skepsis beäugt, wenn nicht offen abgelehnt. Und dennoch,... nach einem Besuch der Premiere ist zwar unbedingt festzuhalten, wie beeindruckend das Spektakel ist, und dennoch... Man muß das Ballyhoo nicht nachvollziehen können. 

Dies ist 2019, und ein Zusammenbringen von bildender Kunst, Musik und Tanz in einer Veranstaltung nicht die Neuerfindung des Rades. Um nur das einschlägigste Beispiel der Kunstgeschichte zu bemühen: Ein ganzes Jahrhundert ist verstrichen, seit Serge Diaghilev Werke - Bühnenbilder und Kostüme - Picassos, Braques, de Chiricos, Matisses, Utrillos, beider Delauneys und anderer kommissionierte, damit Originalkompositionen Stravinskys, Debussys, Ravels und Prokofievs zu begleiten. Das waren, natürlich, die Ballets Russes, und das war: Ballett. Darauf lassen sich in der Tat auch diese Bilder einer Ausstellung von Flying Steps und OSGEMEOS am Museum Hamburger Bahnhof herunterbrechen: Ballett. Eine moderne Form von Ballett, gewiß, und dennoch: ein altvertrautes Genre.

 

Flying Steps Impresario Vartan Bassil basierte sein Libretto auf den gleichnamigen Kompositionen Modest Mussorgskys von 1874. Während das russische Genie (oder auch nicht, manche – Rimsky-Korsakov und Tschaikowsky zum Beispiel - bewerteten sein Talent als eher... modest) damit Zeichnungen und Aquarelle Victor Hartmanns „vertonte“, dreht sich bei der Neuauflage alles um ein imaginäres Museum. Nach der ersten Szene, in der zwei Tänzer pantomimisch (tatsächlich: Pantomime!) imaginäre Bilder in einer imaginären Ausstellung hängen, verliert sich der Plot aber auch, und alles ist nur noch Akrobatik, Tanz und Verkleidung. 

 

Das Komponisten- und Dirigentenduo Ivan and Ketan Bhatti steuert die Musik bei: aufgepeppte Remixes von Mussorgsky, dargeboten von dem Berlin Music Ensemble, und nur manche (Zwischen-)Szenen mögen zusätzlich von Beats vom Band begleitet sein. Neben der Musik kommt der Choreographie hier die Hauptrolle zu, und beide wurden am Eröffnungsabend mit viel Applaus bedacht. Ob zurecht, wage ich persönlich nicht zu beurteilen. Dem Publikum gefiel es, meine persönliche Naherfahrung mit Ballett beschränkt sich allerdings auf das (großartige!) Video eines Abends mit Jerome Bel, das zufällig einmal in einer Galerie gezeigt wurde. Zwischen Choreographien und Dialog mit einem thailändischen Tänzer abwechselnd, war auch das damals keine konventionelle Aufführung. 

Die Bilder einer Ausstellung begleitende Kunst schufen die brasilianischen Street Art Zwillinge Otavio und Gustavo Pandolfo, bekannt als OSGEMEOS: hauptsächlich Dekoration für des Bahnhofs Haupthalle, darunter eine Wand voll in „Blockköpfe“ transformierter Lautsprecherboxen (gibt es da nicht ein Handyspiel mit ganz ähnlicher Graphik?), ein gigantischer aufblasbarer Breakdancer mit „krass viel Swag, Digga, isch schwör!“ und, mehr in die Aufführung integriert: Pappmaché-Kostüme wie frisch aus dem Karneval von Rio importiert. 

Zwischendurch und ohne ersichtlichen Grund sind die Zuschauer aufgefordert, am Platz vorgefundene Papiermasken aufzusetzen, ein Effekt, der nicht unbedingt aufgeht wie geplant. Der pure Tanz findet Auflockerung in dem, was man – nicht despektierlich! – Zirkuselemente nennen könnte, Clownerie und „Akrobat schön!“. Da umrundet dann ein human beatboxer unter allerlei Geräuschen die Bühne, zieht auch eine Art umgewandelten Eiswagen hinter sich her. Wichtig ist nur das Geschehen auf der einem Boxring gleichen Bühne. 

 

Die Bilder einer Ausstellung dauern eine gute Stunde und damit kaum länger als ein durchschnittlicher Ausstellungsbesuch, und wie im Tanz wohl kaum zu vermeiden, sind manche Elemente repetitiv. Headspins sind an für sich schon beeindruckend, beim soundsovielten Mal aber auch dem letzten Zuschauer vertraut.

Generell auf die außerordentlichen akrobatischen Fähigkeiten der Tänzer einzugehen, sollte kaum notwendig sein, sie ziehen Inspiration aus den verschiedensten Quellen – sind das tatsächlich Capoeira-Tritte? 

Alles in allem eine großartiges Erlebnis, dabei aber nicht „revolutionär“ (und das muß es auch gar nicht sein), sondern „nur“ die Weiterentwicklung einer vertrauten Kunstgattung. Ballett mit Jogging- statt Strumpfhosen und Tutu (auch keine Hasenpfote im Schritt). Vielleicht sollte Vartan Bassil einen permanenten Wechsel der Sparte in Erwägung ziehen.

 

 

An der Alten Nationalgalerie geht die Nationalgalerie (...) noch einen Schritt weiter, und scheitert das Experiment, ist einzig die Technologie schuld. Wer erinnert sich noch jenes russischen Unternehmens, das an der Berliner Alten Münze „Kunsterfahrungen“ ohne Kunstwerke, sondern nur mit Photos und Videos solcher organisierte? Ein (nicht ganz) billiges Spektakel für Touristen mit dem man sich an der Alten Nationalgalerie wohl lieber nicht vergleichen möchte.

Das Museum nahm eines seiner bekanntesten Werke, Caspar David Friedrichs Mönch am Meer, und beauftragte eine Multimediaagentur, darauf eine „Virtual Reality Erfahrung“ aufzubauen. Der Besucher setzt einen Helm mit VR-Brille auf und findet sich am Strand, mit dem Mönch. Ganz wie in dem klassischen Werk der Romantik kreisen Möwen (im Original „kreisen“ sie nicht wirklich, das macht da nur die Phantasie), und so mancher hebt unwillkürlich die Hand zum Schutz gegen feuchte Fliegerbomben - auf diesen offensichtlichen Gag hat man dann aber doch verzichtet. Dafür wurden andere Details hinzugefügt, etwa das Gesicht des Mönchen, das im Original nicht im Bilde ist - wichtig sind da nur seine Kleinheit und Verlorenheit angesichts der unbezähmten Natur. Um es klar zu sagen: Das Gemälde ist beindruckender, versteht es weit besser, die Stimmung einzufangen und zu vermitteln, es spricht von Mysterien, von Mensch und Natur – aber nicht von Technik. 

 

Herr Kittelmann, der ohne Frage ein äußerst fähiger und gebildeter Kulturmanager ist, kommentierte ein Kleist-Zitat – der Dichter schrieb in seinem Kommentar zu Friedrichs Werk: „...und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz“ - mit den Worten: „leider fehlten damals noch die technischen Mittel“. Nun... nein. 

Nicht „leider“: weniger war mehr. Nicht jede "Lücke" will und sollte - auf der "Angebotsseite" - gefüllt werden. Vor Handys, Fernsehern, Computern ersetzte der Mensch das „fehlende“ im und mit Geist, in selbständiger Setzung. 

Der Betrachter - und eben nicht: „Konsument“ - eines Gemäldes bleibt immer das, ein externer Beobachter und Interpret, der seine Rezeption in jedem Moment auch selbst erschafft. Totale Immersion führt allzu schnell zu dem Verlust von kritischer Distanz, von Reflektion und Verständnis. Die „vierte Wand“ ist wichtig. VR bietet ein oberflächliches Spektakel für die Sinne, vergessen in dem Moment, da die Brille fällt. Das mag gewollt sein, wird es als bewußtes Stilmittel eines Künstlers eingesetzt – so vor kurzem erst ein Projekt Jonathan Meeses am Martin Gropius Bau -, nicht aber hier, da das Museum ein externes Unternehmen mit der Fabrikation eines „Erlebnisses“ beauftragt. Interessanter ist es, den Helm gar nicht erst aufzusetzen, und nur die Bildschirme der Kontrollstation zu beobachten. Die Bilder erscheinen auch hier, zweidimensional und doppelt, und vor dem Hintergrund der sichtbaren Technik. 

 

Wer dann auch noch das Gemälde betrachten möchte, muß erst viele Treppen bis in den dritten Stock steigen. Hat denn wirklich niemand daran gedacht, den Mönch aus seinem vertrauten Heim zu entführen und, wenn nicht in den unmittelbaren Vorraum der VR-Veranstaltung, wo seine Sicherheit inmitten der Warteschlange nicht zu gewährleisten wäre, so ihn doch zumindest nahebei zu plazieren? Oder ist die Versicherung schuld? Auf der anderen Seite, wer jenen Vergleich anstellt, dessen Urteil wird wohl in den meisten Fällen zugunsten der Leinwand ausfallen, zugunsten des Handgemachten gegenüber dem Digitalen, des Originals gegenüber der Kopie, des Menschen gegenüber der Technik, vielleicht ist er also gar nicht gewünscht. 

 

 

 

 

 

Zu den wenigen Erlebnissen, die Stefan Zweig auf seiner Reise durch die UdSSR Mitte der 1920er Jahre nachhaltig beeindruckten, zählte der organisierte (und gestellte?) Besuch von Arbeitergruppen im Leningrader Museum: „(...) wie in Scharen, den Hut ehrfürchtig in der Hand wie ehemals vor ihren Ikonen, die Arbeiter, die Soldaten, die Bauern (...) durch die einst kaiserlichen Säle gingen und die Bilder mit dem geheimen Stolz anschauten: das gehört jetzt uns, und wir werden lernen, solche Dinge zu verstehen. (...) Kunstkommissare erklärten den etwas befangen zuhörenden Bauern Rembrandt und Titian; immer hoben sie  (...) scheu die Augen (...) Auch hier wie überall war eine kleine Lächerlichkeit in diesem reinen und redlichen Bemühen, über Nacht das ‚Volk’ vom Analphabetismus gleich zum Verständnis Beethovens und Vermeers emporzureißen (...) Kutscher, die noch nicht recht lesen konnten, hielten Bücher in der Hand, nur weil es Bücher waren und Bücher ‚Bildung’ bedeuteten, also Ehre, Pflicht des neuen Proletariats.“ (aus Die Welt von Gestern

Der heutige Mensch muß sich da ob des alten weißen Mannes Paternalismus natürlich indigniert fühlen, haben wir uns doch längst in die „wissenschaftliche“ Erkenntnis gefügt, der Mensch (und gar die Menschin) sei nichts weiter als stimulus-response bestimmte tierische Existenz, und jede geistige Schöpfung kultureller Welten eine freiheitsberaubende Illusion. Insbesondere Vertreter der politische Richtung, die in der UdSSR ihre maximale Verwirklichung fand, haben längst festgestellt, daß die Vereinigung der gesamten Gesellschaft auf das Niveau des Proletariats weit einfacher zu verwirklichen, und vor allem auch ökonomischer ist, als dessen Hebung (soweit der heutige Kommentar zu Berliner Bildungspolitik). 

Gute Unterhaltung!

 

Flying Steps und OSMEGEOS: Bilder einer Ausstellung, 5. April-2.Juni, Museum Hamburger Bahnhof

Mit dem Mönch am Meer, 5. April-30. Juni 2019, Alte Nationalgalerie

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BAW(S) 2019, Teil II: Die Ochsentour

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