Bröhans Traditionself - Die „Vereinigung der XI” am Bröhan Museum, in der Hauptrolle: Max Liebermann

 

(Berlin.) Eines der bestbewährten Rezepte zum Reichtum lautet „Reise und kopiere“: Schau’, was andere anderswo machen und wenn du denkst, der Erfolg sei importierbar – nun, da ist sie: deine Geschäftsidee. In Europa wird die Taktik besonders gerne angewandt, in den verschiedensten Branchen von Energy Drinks zu Online Startups, und nicht einmal auf das Geschäftsleben im engsten Sinne beschränkt: Vor gut einhundertzwanzig Jahren beschlossen mehrere Berliner Maler nach ihrer jeweiligen Rückkehr von mehr oder minder ausgedehnten Paris-Aufenthalten – aus der Quellenlage ergibt sich nicht eindeutig, ob man dort bereits Kontakt knüpfte –, eine Bewegung zu starten, eine Künstlergruppe mit dem Ziel, das deutsche Publikum mit der künstlerischen Moderne von Impressionismus und Symbolismus bekanntzumachen. Wir befinden uns im Jahre 1892, ungefähr zwei Dekaden vor der Geburt des Expressionismus, der als dezidiert „deutsche“ Reaktion auf die Entwicklungen im Lande des „Erbfeindes“ positioniert wurde. Das Sprichwort, „Wo drei Deutsche sich treffen, gründen sie einen Verein“ datiert noch länger zurück, mag schon zu Zeiten Turnvater Jahns geprägt worden sein, als man Sportvereine schier überall aus dem Boden schießen sah - in der Kunst war das noch etwas niedagewesenes.

 

Die Vereinigung der XI hatte manch prominentes Mitglied, in erster Linie ist da Max Liebermann zu nennen, doch auch Max Klinger dürfte den meisten unter uns ein Begriff sein, alleine schon weil gefühlt kein Flecken der Republik ohne Klingerplatz oder –straße auskommt; dazu gesellten sich andere, mittlerweile der Vergessenheit anheimgefallene Künstler. Hinter dem Gruppennamen verbirgt sich kein Geheimnis, er bezieht sich schlicht und ergreifend auf die trotz einiger Ein- und Auswechslungen auf individueller Ebene (Klinger, Dora Hitz und Martin Brandenburg kamen in unterschiedlichen Spielminuten – nein: Jahren! - für Hugo Vogel, Hans Herrmann und Konrad Alexander Müller-Kurzwelly ins Team) bis 1898 als die meisten einfach in der Berliner Secession weitermachten wo die XI endete, durchweg konstante Mitgliederzahl. Man positionierte sich bewußt und eindeutig gegen den offiziellen Kunstbetrieb, eröffnete gar die alljährliche Ausstellungssaison noch vor der Großen Akademieausstellung – ein unerhörter Frevel! Insgesamt kam es zu acht Ausstellungen der Gruppe in zwei Berliner Galerien - Eduard Schulte und Keller und Reiner -, zu denen jeder Künstler jeweils fünf bis sechs Werke beisteuerte, woraus sich ein recht ansehnliches Gesamtrepertoire ergibt.

 

Nicht nachlassend in den Anstrengungen, zu Unrecht vergessene Künstler und Gruppen wieder aus der Versenkung zu holen, widmet sich das Bröhan Museum nun der ersten Retrospektive der XI überhaupt. Seite an Seite stehen dabei den Quervergleich ermöglichende Gruppenräume mit Einzelpräsentationen zum Beispiel Max Liebermann gewidmet, DEM deutschen Impressionisten schlechthin und auch der Maler mit dem individuellsten, unverwechselbarsten Stil unter den elf (respektive vierzehn, Einwechselspieler inbegriffen) – nicht zuletzt ist er das – hoffentlich – Besucher lockende Aushängeschild hier. 

Vergleiche sind nicht allein innerhalb der Gruppe, sondern auch und besonders zu den Pariser Vorbildern zu ziehen, für jeden einzelnen läßt sich mindestens ein solches finden - Monet, Pissaro, Sisley, Degas,... alle sind sie hier vertreten, in Vertretung.

 

George Musson und Hugo Vogel kopi- zitieren Renoir, Ludwig von Hofmann – in einem Teil seiner Werke, zum anderen kommen wir gleich - übernimmt die Rolle Gustave Moureaus samt seines Symbolismus’ (mit Anklängen an Alfons Mucha und art nouveau), während Hans Balluschek sich in Maurice Utrillo verguckt hatte, und so fort. Zum Symbolismus zählt auch Martin Brandenburg, der unter anderem eine ältere Dame im freihändigen Flug porträtierte, ohne Besen, aber eine Elf-e ist das nicht...

Franz Skarbina mag für das vielfältigst begabte Gruppenmitglied gelten, meisterte er doch diverse Stile von Renoir bis Sisley, gar Toulouse-Lautrec, und – Überraschung! - ehrte sogar noch Edvard Munch, der kurz zuvor seinen eigenen Berliner Skandal ausgelöst hatte (ebenfalls auf einen Parisaufenthalt folgend) mit einer nicht auf einer Brücke sondern einer staubigen Dorfstraße stehenden Frau, die tonlos “(Früh-)Expressionismus” schreit. Im Bildhintergrund findet sich ein aufgeregt aus einer halboffenten Hoftür fluchender Mann, wir mögen hier Zeugen eines Strindberg-/Ibsen-schen Dramas sein. Munchs Schrei datiert in seiner ersten Fassung von 1893, Skarbinas Werk von 1895. 

 

Es wäre müßig, alle Mitglieder der Gruppe hier einzeln zu erörtern, beschränken wir uns auf einige exemplarische Vertreter: Abseits der bereits genannten und von allen geteilten Einflüsse kreierte Walter Leistikow auch überraschend zeitgenössisch anmutende Werke – zeitgenössisch im Sinne von „heute“, nicht vor einhundertdreißig Jahren: Der Hafen (1895) mit seinen neongiftgrüngelben Wassern könnte in Berliner Galerien des dritten Jahrtausends hängen und niemand bemerkte es (nicht auf Anhieb zumindest). Derselbe Künstler tat skandalöses – aber was war das damals nicht, mag man da fragen – als er es wagte, seine Berliner Seeszenen in verschiedenen Techniken parallel zu produzieren und so auch zu präsentieren, sowie als er für einen Blick auf den Schlachtensee (immer noch ein beliebter Badeplatz und die Saison startet bald, wenn erst die Welse wieder aus jährlicher Brunft- und Beißzeit heraus sind) - eine Position hinter die Sicht obstruierenden Baumstämmen wählte. Als Gegengewicht sinkt ein wenig links der Bildmitte die Sonne, was mich erinnert: Sein Abend an der Nordsee (1887) kann nur eine mehr oder weniger gelungene Kopie von Impression. Soleil levant genannt werden, Monets legendäres Werk, mit dem einst alles begann. 

 

À propos „Skandal”, Ludwig von Hoffmann ist... speziell. Mögen Sie (den späten) Hans Bellmer, und Nabokov, gefällt er ihnen sicherlich auch. Hüllenlose Kinder in Fülle und anders als bei Liebermann, dessen Badende Jungs ganz natürlich wirken, in aus dem Leben gegriffenen Szenen. Bei von Hoffmann mutet das nicht ganz so harmlos an, man neigt leicht zu der Annahme, der Maler habe sich mit dem brünftigen Hirschen identifiziert, der da im Hintergrund eines Werkes lauernd drei Mädchen fixiert. Begnügen wir uns zu sagen, ein Sammler, der sich dies an die Wand hängt, wird besorgte Blicke ernten, und nicht zu unrecht. Als Kunstwerke betrachtet aber durchaus gekonnt!

 

Franz Skarbinas leicht Toulouse-Lautrec-ischer Blumenkorso im Bois de Boulogne, 1894, wurde alleine schon für die Kombination von Blau- und Grüntönen attackiert, im Kontext der Zeit denkend, mögen Absinth-Assoziationen eine Rolle gespielt haben. Die Hinzunahme von Kunsthandwerk in eine Ausstellung, so praktiziert von Friedrich Stahl, traf auf mehr Beifall, wenngleich auch das Zitat eines Kritiker überliefert ist: „Na, die Töpfe gehören wohl eigentlich nicht hierher?” Von Stahls Gemälde zeichnen sich durch – immer noch! – außergewöhnliche Perspektiven aus. Auch Klingers Kassandra, die einzige(!) jemals von den XI ausgestellte „echte“ Skulptur, war ein großer Publikumserfolg und wird heute unter die besten Werke des Künstlers überhaupt gezählt, sie weist auch mehr in die Antike als auf Rodin.

 

Fraglos handelte es sich um wichtige und ehrenhafte Anstrengungen, die deutsche Öffentlichkeit für die künstlerische Moderne zu begeistern, und doch lauert da immer auch eine Gefahr im Globalismus, der Einigung der Welt in Homogenität. In einem bestimmten Sinne mag der Expressionismus als konkurrierende Moderne noch wichtiger gewesen sein, jene Pariser Vorbilder gab es schließlich schon und wenn man ehrlich ist, blieben sie auch unerreicht. 

Eine Anekdote am Rande: Anläßlich der Ausstellungseröffnung sprachen Museumsvertreter u.a. über Munch und betonten den Namen ganz „korrekt“: „Munk“, ohne „ch“. Das mag – ist zweifellos – die „richtige“ norwegische Aussprache sein und das ist die gängige Praxis heute, nicht zuletzt unter Sportkommentatoren. Was dabei leicht übersehen wird: Die Vielfalt von Namen und Sprachen in der Welt - Matthias, Matthew, Matthieu, Matteo, etc. - existiert nur dank gegenseitigen Mißverstehens, Abgrenzung und Betonung des eigenen. Nur um das einmal wieder zu erwähnen.

 

Die Vereinigung der XI, 30. Mai-15. September 2019, Bröhan Museum

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