BAW(S) 2019, Teil II: Die Ochsentour

 

(Berlin.) Das Vorspiel der Berlin Art Week(s) 2019 - BAW*S wie wir sie zu nennen uns kürzlich entschieden haben, setzte sich fort mit einer neuen Ausgabe der „Kunst für Planetarien“ im Vorgarten des Kreuzberger Kunstquartiers Bethanien, einem Kulturzentrum mit angeschlossener Künstlerresidenz, abermals koproduziert von Berliner Festspielen - eine Marke des Martin Gropius Baus, wenngleich die exakten Verbindungen wie so häufig im Berliner Kunstbetrieb nicht offensichtlich sind (in diesem Fall aber nicht so kompliziert wie in dem der Nationalgalerie, die irgendwie ja doch alle bündelt ... außer dem MGB) - und dem Hamburger Planetarium, einem der modernsten Europas, das die Technik für den Pop Up Space beisteuert. Auch das Motto ist gleichgeblieben, lautet immer noch ‚weg mit der alten Ewigkeit, her mit’ The New Infinity, was bei genauerem Hinsehen eine unendlich sinnlose Aussage ist (Unendlichkeit ist nicht weniger oder mehr, weder alt noch neu).

 

Das Spektakel begann am Donnerstag, den 5. September, und für die Auserwählten bereits um dreizehn Uhr morgens mit einer Sondervorführung unter der Donnerkuppel, die im übrigen kleiner und intimer erschien als im Vorjahr - wurde da eine Sitzreihe weniger eingebaut? Kaum vorstellbar, betont man doch den überragenden Erfolg in 2018, der sich in beindruckenden Warteschlangen und noch beeindruckenderen Zahlen niederschlug. Diese Sitze sind einerseits zwar geräumig und wirken auf Anhieb bequem, da läßt sich der Besucher gerne zurückfallen bis fast ins Liegen – auf einer Plattform in der Mitte des Raumes ist das auch im Wortsinne möglich – und schließt erst einmal die Augen (nun denke man sich noch eine Einführungsrede des Intendanten der Berliner Festspiele dazu, der zwar überaus kompetent und sympathisch ist, aber eine, nennen wir es einmal sehr spezielle Stimme sein eigen nennt und Sie werden verstehen, warum es den Previewgästen nicht leicht fiel, dem Geschehen ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen). Anderseits zwingen sie aber auch so unmerklich wie -willkürlich ins Hohlkreuz und in Verbindung mit dem für die folgende Stunde zurückgekrümmten Nacken verspricht das einen schmerzensreichen Folgetag. Die Frage lautet also: Ist es das wert? Und die - nicht so - klare Antwort: Ja, mit Abstrichen. 

Das erste Werk - ist es nun ein "Film", eine "Installation", oder gar eine „Erfahrung“ zu nennen? - projiziert ganz konventionelle Bilder auf das Innere der Kuppel, der Betrachter fühlt sich von der Architektur in das Innere einer Glaskugel versetzt wie man sie als Kind schüttelte, es schneien zu lassen und nicht nur winters. Schnee gibt es hier aber keinen (gut, wir kennen die Kunstszene, aber - ach lassen wir das), stattdessen finden wir uns inmitten der Natur, eines in vollem Laub stehenden Waldes wieder, da die am Boden verankerte Kamera in stetem Aufwärtswinkel gen Wipfel und Himmel gerichtet Kreise zieht. Mancher Besucher denkt da an die letzte „Heiße Upskirt-Pics aus Japan“ versprechende Spam-Mail, als die Szenerie urplötzlich zu einem Spielplatz wechselt, unter ein Klettergerüst auf dem ein Mädchen gerade turnt. Unangenehm. Im folgenden sehen wir ihr Gesicht ausgiebigst in Nahaufnahme, verformt wie im Zerrspiegel auf der gekrümmten Projektionsfläche. Während sie Knoten nicht in Taschentücher sondern Seile knüpft, rezitiert sie oder ungesehene Altersgenossen in englischer Sprache Banalitäten von „toten Männern“ und „Erinnerung“. Fassen wir zusammen: Bäume, Kinder, Tod und Erinnerung. Ergibt Kitsch. 

Dieses Werk des Künstlerkollektivs Metahaven ist alles andere als „Meta“–irgendwas, sondern im Gegenteil ganz „Holzhammer“. Aber Geduld, es wird besser und das schon mit den ersten mit den ersten, keinesfalls realen, sondern eindeutig digital erzeugten Bildern des nächsten Films, dem es sofort gelingt, eine bedrohliche und rätselhafte Atmosphäre zu schaffen. Wir finden uns begraben unter einer festen Membran, von weither lockt ein Licht am Ende des Tunnels, eine kreisrunde, sich immer wieder schließende Öffnung. Sind wir an Bord eines Raumschiffs (diese lästigen außerirdischen Entführer!) oder im Mastdarm einer Kreatur, die uns Jonas gleich bei lebendigem Leib verschlungen hat? Die Reise führt an wabernden Formen vorbei, halbverdaute Donuts oder schwarze Löcher, schwebende Objekte nicht-Euklidischer Geometrie – soviel können wir nach Studium des Begleittexts aufklären: es handelt sich um „physikalisch unmögliche Objekte“, optische Täuschungen gleich dem „Penrose-Dreieck“ mit seinen scheinbar drei rechten Winkeln (bei anderer Kolorierung bloß ein stinknormales Dreieck). Die Assoziationen vervielfältigen sich: Herbstlaub, absurde Käfer oder bloß Lavabrocken, Resultate kosmischen Bleigießens und wer wüßte, was die Zukunft bringt? Variationen dunklen Blaus und Brauns bleiben die einzigen Farben in Bildern, die gleichenteils technisch und organisch scheinen, mit Anflügen eines Neoneoneo-Surrealismus durchaus. Ist das großartig oder nur ein großartiges Graphikdemo? Vielleicht ein wenig zu lang und warum es mit dramatischer Orchestermusik endet, ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Geschehen auf der Leinwand(/-decke), erschließt sich dem Betrachter nur bedingt. Den Titel, Non-Face, haben die verantwortlichen Künstler Robert Lippok & Lucas Gutierrez dagegen recht stimmig gewählt (s.o.). Danke schön, muchas gracias.

 

Drittens halb Zeichentrick und halb Realfilm, dabei stark narrativ geprägt. Das startet mit dem Arbeitsunfall eines Dachdeckers und leitet über zu grundsätzlichen Reflektionen über die Gravitation (immer noch das nervigste aller Naturgesetze, jedesmal wenn etwas fällt und zerbricht - schlimmstenfalls den Zeh -, sage man ein „Danke“ der Gravitation) und den Beginn von Raum und Zeit, auf diesem Planeten zumindest. Wir hören von der prähistorischem Welt und einem Massensterben – gut, daß wir uns wenigstens darum in näherer Zukunft nicht sorgen müssen, floriert doch die Biodiversität stets in Warmzeiten (eine neuerliche Eiszeit wäre dagegen verheerend). Dieser Beitrag stammt von Agneszka Polska, die nicht nur den bekanntesten Namen in der Künstlerliste trägt, sondern beweist, daß sie sich ihren Status auch redlich verdient hat. Einziger, unbedeutender, Einwand: Der Sprecher – wie angedeutet, gibt es da viel Text – hält sich offenkundig für einen besseren Schauspieler - und Sänger! (kann man in diesem Zusammenhang eigentlich von “Planet-Arien” sprechen? dabei sind die Veranstalter aber natürlich keine Planet-... gut, geschmacklose Witzelei) - als er ist.

 

Noch mehr Künstler sind hier am Mariannenplatz zu entdecken und das Medium bietet, in gewissen Grenzen, einmal etwas neues (nur die Existenz von IMAX Kinos sollte man nicht komplett ausblenden, wie es die Veranstalter so gerne tun).

Mit der*den Berliner Kunstwoche*n ging es am Montag, den 9.9. weiter, als sie endlich auch offiziell eingeläutet wurden. Die Pressekonferenz gastierte am Martin Gropius Bau und mündete in eine Tagestour zu diversen Veranstaltungsorten. Folgende Information aus dem Dokumentationsmaterial ließ aufhorchen: Freitags „erweitern abends die Ausstellungseröffnungen [der an der art berlin sowie der Positions art fair teilnehmenden] Berliner Galerien das Programm.“ Hatten wir nicht bereits einige Daten aus Newslettern und Facebookpräsenzen zusammengelesen und uns notiert: „SM Mi.“, „BS Sa.“ – und nun? Aber tatsächlich: Blain Southern bleibt der art Berlin fern, hat es nicht auf die Gästeliste geschafft oder einfach keine Lust und das nicht zum ersten Mal. Der Platzhirsch der Potsdamer Straße wagt die offene Provokation, obwohl von einem Wagnis bei dieser Machtposition kaum zu sprechen ist, diktiert man sonst doch der ganzen Nachbarschaft die Eröffnungstermine, und lädt erst für den Sonnabend. Was derweil Sprüth Magers betrifft, natürlich nicht gut genug für die Messestandards. ... ... ... OK, im Ernst: Man ist immer noch dabei, als wohltätige Geste gegenüber der Heimatstadt, muß aber wohl am Freitag einen Flug kriegen und eröffnet deshalb bereits Mittwoch – halt, stop, sehe gerade, in LA ist auch Mittwoch Opening, der Flug geht also Anfang der Woche, aber was sollte man sich um Kleinigkeiten wie Corporate Identity und einheitliches Auftreten der art Berlin/BAW scheren, ist doch nur aus Barmherzigkeit noch dabei, überhaupt auch mit einer Filiale in Berlin.

 

Von der Rede des Kultursenators bleibt eigentlich nur der wenn nicht offen, so doch implizit auf das Haus Bastian anspielende Satz in Erinnerung, man wolle auch jene Gruppen, “die noch unterrepräsentiert sind, zur Kunst holen”. Es müssen schließlich alle das gleich denken, tun, und v.a. konsumieren, das ist nämlich „Vielfalt“. Und noch eine Randbemerkung: Erwähnt wurden die der Öffentlichkeit zugänglichen privaten Sammlungen als Teil der BAW, obgleich sie sich wahrlich wenig Mühe geben, zu dem Anlaß besonderes anzubieten. Kürzlich erst, im Spätaugust, nutzten Angestellte mehrerer Berliner Sammlerpersönlichkeiten die Sommerfrische ihrer Herren und Meister – ab und an muß man ja auch mal selber die Blumen gießen an der Côte oder der Costa: das erdet; oder schauen, ob die Yacht noch geradeaus fährt - zur Organisation einer „Collection Night“. Die Veranstaltung wirkte etwas halbherzig aufgezogen und wurde nicht einmal von allen teilnehmenden Sammlungen auf ihrer Website angekündigt (bei Boros war da jedenfalls nichts zu finden und der hat doch sonst irgendwas mit Reklame zu tun). Auch bestritt man auf Nachfrage jede Kenntnis der Proud Collector Selbstbeweihräucherungen von vor zwei, drei, vier Jahren, dabei scheint mir, gab es zumindest einige Überschneidungen unter dem handelnden Personal. Aber zurück in den Gropius Bau, der uns noch eine Preview der (höchstens) halbfertiggestellten Ausstellung Durch Mauern gehen bot. Das startet ganz wörtlich mit schwarzen Fußabdrücken auf weißer Wand, setzt sich dann nicht frei von populistischen Parolen zur Niederreißung aller Mauern fort, ganz im Sinne der vielbeworbenen globalen Monotonie (Marketing spricht da von „Vielfalt”). Ein Highlight ist das Bildnis dicker Urlauber am Strand, den soeben ein Schlauchboot ungeladener Gäste ansteuert, Einwanderer, die auch ihren Anteil fordern am alternativlos großartigen Nichts der westlichen Konsumgesellschaft. Dazu abstrakte Aquarelle, eine Toninstallation mit Menschen aus aller Herren Länder beim Singen des Lieds der Deutschen in ihrer jeweiligen Muttersprache. (Und jetzt alle: „EeeU, EeeU, ühüber aalles... Europa ist am deutschen Wehesen/Büürokratisch längst verweesen...” nein ‘tschuldigung, das waren nur wieder mal meine galoppierenden Gedanken. Außerdem sind die Sänger gar nicht alles Europäer, das klingt zum Teil zumindest sehr chinesisch.) Später eine raumgreifende Installation mit zusammengeschobenen Tischen aus deren Mitte zwei hilflos zerquetschte Stuhllehnen hervorluken, historische Photographien von Belfast bis Berlin, gemalte Überwachungskameras und der gute alte Fred Sandbaek, dessen immaterielle Mauern zwischen gespannten Bindfäden mit der Zeit nichts von ihrer Großartigkeit verloren haben. Ein Hongkonger Künstler versteckt derweil Audiowaffen, die die chinesische Obrigkeit gegen mißliebige Demonstranten einzusetzen pflegt (hey, immer noch besser als Panzer, auch China hat Fortschritte gemacht seit `89!), malträtiert den Besucher aber nur mit Vogelgezwitscher - noch gleich ein Seitenhieb auf Twitter? Ich mag den Museumshelfer/Künstler, der „Mehr grrr“ auf den nackten Boden gekritzelt hat, aber das wird bis zur Eröffnung sicherlich noch abgedeckt.

 

Nächster Halt Ballinische Jallerie, oder für die Auswärtigen: Berlinische Galerie, mit Bettina Poustcchi. (In der “ersten”, “inoffiziellen” BAW-Woche öffnete man auch noch eine Bauhaus-Ausstellung, dazu an anderer Stelle mehr.) In der BG kleinen Zweitfläche, dem engen Ausstellungskorridor, zeigt die Künstlerin Leitplanken bundesdeutscher Autobahnen in verrissen-zerflossenen Formen, wie sie sonst nur Gaffer nach den fürchterlichsten Unfällen zu Gesicht bekommen, farblich passend von originalgetreu Silbergrau zu blutrünstig Rot. Es werde aber bitte niemand nostalgisch und kommentiere, „Chris Burden hätte sie nicht im Atelier, sondern mit dem Auto zerlegt, und Gina Pane auch“. Das mag zwar stimmen, ist aber erstens unerheblich und zweitens ein anderes Jahrhundert, heute schreibt man Sicherheit groß. Poustcchi ergänzt eine Serie mit Photographien von öffentlichen Standuhren aus vierundzwanzig Zeitzonen. Alle sind auf fünf vor Zwei gestellt, was zumindest eine kleine Variation darstellt zum zehn-vor-Zwei-Einerlei der Werbeindustrie (die Zeigerstellung soll da ein lachendes Gesicht suggerieren, tatsächlich wahr, fragen Sie einen Reklamemacher nach Wahl). Die schwarz-weißen Portraits verfremdete die Künstlerin mit einem am Computer darübergelegten Raster. Manche Uhren verwenden arabische, andere römische oder asiatische (nein, ich weiß nicht, welches asiatische Schriftsystem das ist – gar Farsi?!) Ziffern. Pousttchi erklärt, sie habe sich intensiv mit der historischen Standardisierung von Zeitzonen befaßt, die Zeit liegt noch gar nicht so lange zurück, da jede Stadt ihre eigene Zone war. Asiatisch, Arabisch, Afrikanisch, Europäisch, alle gleich – ist das nicht furchtbar? Die frühesten Werke des Projekts entstanden bereits 2008, das ist gut zu wissen, sollten Sie auch bei jedem Anblick einer Uhr in der Kunst an Christian Marclay denken (The Clock, jener in der Kunst immer noch seltene global-virale Smash Hit, datiert von 2012).

Zonen -> Zone: Wie sie ausführt, diente Poustcchi auch die jüngere Geschichte Berlins von Reisebeschränkungen bis Billigfliegern zur Inspiration. Wenn ein Vertreter der Berlinischen Galerie bei der Vorstellung des Projekts allerdings behauptet, Einwohner des einen Teils der Stadt durften nur in bestimmte, solche des anderen Teils nur in andere bestimmte Länder reisen, ist das eine unzulässige Verharmlosung. Selbst in die „sozialistischen Bruderstaaten“ kamen DDR-Bürger nur einmal in vielen Jahren, und nur bei wohlfeilem Verhalten. Auch Poustcchi sollte zuweilen besser auf ihre Wortwahl achten, wenngleich aus anderen Gründen: „Afrikaner, die ein ganz anderes Verhältnis zur Zeit hatten, waren plötzlich gezwungen, sich europäischen Konventionen zu unterwerfen...“ – nanana, die Behauptung, unterschiedliche kulturelle Prägungen wirkten sich auf individuelles Verhalten aus, gar noch einer bestimmten ethnischen Gruppe eine traditionsbedingt geringere Eignung zur time-is-money-Attitude zu unterstellen, dürfte schon der heute gängigen Fehldefinition von rAsSiSmUs!!1! entsprechen... Hoffen wir, es waren keine Vertreter jener publizistischen Wächter des richtigen Denkens anwesend, die uns allen bekannt sind.

Zum Schluß noch deformierte Fahrradbügel, bzw. so wie sie dem durchschnittlichen Passanten an einem Sonntagmorgen in Berlin gegenübertreten. Die sind nun grün, in ganz alter Ikonographie also Hoffnung bedeutend - Öko-Message?

 

Am Haus der Kulturen der Welt entschied man sich, zur BAW dieses Jahr keine Ausstellung zu präsentieren. ... Oder? Da ist eine Ausstellung am Hause und eine sehr gute noch dazu, von Wandteppichen, die Ulrike Oettinger während ihrer Zeit in Paris in den 1960er Jahren gestaltet hat, beworben wird das aber nicht. Viel lieber spricht man über eine Performancereihe mit dem Titel Körper lesen/Das neue Alphabet. Das ist „neu“, muß also toll sein - oder? Wenn schon niemand mehr Bücher liest, dann eben Körper, es könnte ja interessant sein, endlich die wahre Bedeutung von tätowierten chinesischen Schriftzeichen zu erfahren - nicht zuletzt für den Tätowierten selber. Aber nein: keine Tätowierungen, nur reine Haut hier.

Tatsächlich geht es um „Übersetzungen des digitalen ins analoge“, darum, die „Welt in binärem Code neu zu bauen“, um die altbekannte Weisheit, der menschliche Geist interpretiere jegliche Sinneseindrücke mittels Urteilen und Adjektiven, darunter auch „männlich-weiblich“, und in letzter Konsequenz darum, Menschen „zu lehren, adäquat zu denken“. „Adäquat“ nach wessen Maßstäben? Und dann spricht man von „Machtstrukturen“... (Goldene Regel: Der Wille zur Macht ist stets am stärksten ausgeprägt bei jenen, die beteuern, nur das Gemeinwohl im Sinn zu haben).

Die drei vorab gezeigten Performances sind alles andere als revolutionär. Nadja Buttendorf klebt Ihnen auf Wunsch einen – entfernbaren! – Elektromagneten auf den Fingernagel, für den sechsten Sinn. Die so betitelte TransOpera können Sie sich anschauen oder die Zeit nutzen, einmal wieder den Klassiker Rocky Horror Picture Show von 1978 zu streamen. Ein*e*r *s der*ie Performer*innen hat sich gar ein Kostüm*in ausgesucht, das stark an das Tim Currys in der Rolle des Dr Frank’n’Furter erinnert. Progressiv? Avantgarde? Und drittens, Jeremy Wade ist ein homosexueller und seeeehr amerikanischer Showman, ein Entertainer wie sie dort seit Jahrhunderten auf der Bühne stehen, sich selbst darstellen und alles mögliche verkaufen, von Autos bis Ideen. Ich habe nichts gegen ihn persönlich, wirklich nicht, aber noch einmal: Progressiv? Revolutionär? Avantgarde?

 

Weiter zum NK... naja, einem Berliner Kunstverein jedenfalls (nicht der NGBK) – n.b.k., das ist das Kürzel! Auch dort beschäftigt man sich mit der Berliner Stadtgeschichte seit dem Sturz der Mauer und insbesondere der – „dramatischen“ oder „eingebildeten“, haben Sie sich jemals für längere Zeit in einer globalen Metropole aufgehalten, New York, London, Paris, Tokio, dann eher letzteres – Wohnungskrise. Können Sie Mitmenschen ernstnehmen, die eine solche beklagen ohne im selben Atemzug einen Bebauungsplan für das Tempelhofer Feld zu fordern? Häuser ins Brachland und es entsteht Wohnraum für zwanzig- bis dreißigtausend Familien. Überhaupt sollte man sich vielleicht endlich einmal entscheiden, eine Metropole des 21. Jahrhunderts zu werden und einsehen, daß es in einer solchen ist nicht länger möglich ist, wie in einer veganen Spießer-Kommune auf der Schwäbischen Alb zu leben. Am Kunstverein geht es obendrein um die Vielfalt in den ökonomischen Verhältnissen der Stadtbewohner, alles in allem eine sehr dröge Angelegenheit.

Auf der Etage findet sich eine zweite Ausstellung mit Werken Candice Breitz’. Sie verteilt Flugblätter mit dem Programm eines „Neuen Matriarchats“ und erscheint überhaupt von Mutterschaft besessen. Jede psychologische Interpretation dieser Arbeiten käme nicht umhin, auch die sexuelle Orientierung der Künstlerin zu adressieren, die in dem Kontext eben nicht irrelevant ist: Nein, Candice Breitz wird selber nie gebären, allem technologischen Fortschritt zum Trotz. (Auf "Torschlußpanik" als weibliche Form der Midlife-Crisis wollen wir nicht noch ausgiebiger eingehen.) Hinter verschlossenen Türen zeigt sie drei Filme von Geburten in allem blutigen Detail, besser nicht mit vollem Magen anzuschauen. Es dürfen sich stets nur drei Besucher gleichzeitig in dem Filmraum aufhalten (einer für jedes Geschlecht?), sie finden sich zudem genötigt, Fotoapparate, Handys und andere Aufnahmegeräte einem vertrauenswürdigen Angestellten des Kunstvereins in Verwahrung zu geben - aber wer würde das denn abfilmen wollen?! Ganz ehrlich, ich bin mehr der altmodische Typ, wie heißt es noch: „Meine Frau und ich, wir essen gemeinsam, aber wir gehen getrennt auf die Toilette...“ 

Breitz’ Feststellung, “jeder Mensch hat diese Welt durch den Körper einer Frau betreten” wird zum einen nicht mehr lange uneingeschränkt wahr bleiben - weibliche, biologische Schöpfung bald schon ebenso der Vergangenheit angehören, wie die männliche, geistige, von Welten und Konzepten („Stereotypen“ bis hin zu „Frau“); die Technik macht’s möglich - und ist zum anderen nun wirklich nicht originell. Vielleicht hat die Künstlerin auch nur einmal zu häufig jene Rede Sacha Baron Cohens (in seiner Rolle als Ali G, nicht Borat) vor Harvardstudenten 2008 gesehen:

“No matter if black, white, brown, or Pakistani, we all come from the same place – the punany!” Lassen wir das besser mal unübersetzt.

 

Zum Abschluß des Tages, Statista. Besuchen Sie Berlin zum ersten Mal, sollten Sie unbedingt einen Blick auf jenen Flughafen Tempelhof werden und nicht nur in BAW-Zeiten wenn er gleich zwei Kunstmessen beherbergt, alleine um einmal die bedrückend-überwältigende Opulenz nationalsozialistischer Architektur zu erleben (gleich dem Olympiastadion). Ursprünglich 1924 erbaut, wurde er in den dreißiger Jahren entscheidend umgestaltet. Danach sollte es dann mit der UBahn zur Karl-Marx-Allee weitergehen, nach Little Pjöngjang mit einem sehr ähnlichen Architekturstil, jedoch sozialistisch ohne die Vorsilbe. Albert Speer oder ein Architektur–Kombinat, wer wüßte den Unterschied zu nennen? Die an den Alexanderplatz grenzenden Ausläufer der Allee nehmen sich noch nicht ganz so monströs aus wie das folgende, und genau hier befand sich bis zur Wende ein sozialwissenschaftlich-statistisches Forschungsinstitut der DDR. Nach langem Leerstand wurde die Ruine (bedauernswerterweise) „gerettet“ und neben lokalen Behörden soll bald auch Kunst einziehen.

Einige Künstler haben schon mit der Arbeit begonnen und Pläne entworfen, die sich an den lokalen Gegebenheiten orientieren, indem sie sich den einzigen ständigen Bewohnern der vergangenen Jahre widmen: Tauben – und nein, dabei geht es zur Abwechslung einmal nicht um „Inklusion“, sondern um die gefiederten. Der Bau galt oder gilt immer noch als - statistisch - Europas größter Taubenschlag und nun möchte man nicht etwa gefährdeten heimischen Greifvogelarten etwas Gutes tun, sondern die Kulturfolger in der Stadt halten. Nebenbei: Haben Sie jemals eine gesunde Stadttaube gesehen, ohne verkrüppelte und fehlende Klauen und Ekzemen am ganzen Körper? Eines Tages soll bspw. eine Lichtinstallation signalisieren, ob die Vögel zuhause sind oder ausgeflogen (könnte den Familienfrieden in bestimmten Taubenhaushalten retten).

Im Hinterhof hat die real existierende Natur derweil andere Siege über den Sozialismus errungen und die über Jahre entstandene Wildnis wird von einer „Summer School“ für Architektur- und Stadtplanungsstudenten genutzt, während ein weiteres Projekt in einem der vielen Stockwerke sich um Bienen und Kryptowährung dreht. Metall- und hölzerne Bienenstöcke wurden mit Sensoren versehen, die alle möglichen Nutzerdaten sammeln und auswerten, nicht, um sie an Google oder Facebook zu verkaufen – dort wäre man bestimmt auch interessiert – sondern nur zu ihrem besten. Worin dieses bestünde, hat man die Drohnen und ihre Königin aber nicht selber gefragt. 

Auf einer Website darf sich der Interessierte über Luftqualität und Wabentemperatur informieren und mittels App in eine dedizierte Kryptowährung investieren. Streichen Sie die letzten Worte und ersetzen Sie dafür „spenden“. Dafür hat man dann auch eine Stimme, was mit den Einnahmen geschehen soll, vorausgesetzt, die Verwendung bezieht sich in irgendeiner Art und Weise auf Bienen (nein, “für een flotte Biene uff’n Kopp haun, wa” zählt ebensowenig wie „die Metvorräte aufstocken“). Einer der am Projekt beteiligten Künstler begründet die Entscheidung für eine Kryptowährung nicht mit “weil das total in ist und das dumme Volk einfach alles geil findet, wo ‚krypto-’ draufsteht” sondern mit “weil das sicherer ist als herkömmliches Geld”. Sicherheit ist sch... Sicherheit ist nicht menschlich. Und Sicherheit ist ganz gewiß keine Kunst. 

Auf eine Metalltür des noch sichtlich renovierungsbedürftigen Gebäudes hat jemand einen Sticker geklebt: „There is no Planet B”. Dank globaler Bevölkerungsentwicklung bewegen wir uns aber kontinuierlich auf einen Planet Bee der Insektenkolonie Mensch zu. Damit möchte ich mich für heute verabschieden.

 

Berlin Art Week 2019

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BAW(S) 2019, Teil II: Die Ochsentour

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