• Christian Hain

Pack die Atemmaske ein, nimm das Sagrotanilein und dann nischt wie - rin in die Kunst


(Berlin.) An diesem ersten Maiwochenende hätte eigentlich das Berlin Gallery Weekend 2020 stattfinden sollen. Das mußte „aufgrund der aktuellen Lage“ natürlich ausfallen und wenigstens in einer Hinsicht hat man Glück im Unglück gehabt: Es herrschten Dauerregen und fast wieder winterliche Temperaturen - was uns nicht von einem Rundgang abhalten konnte, auch ohne den besonderen Anlaß. Wie so vieles gestalten sich Galeriebesuche anders als „davor“, vor dem Virus: Hat man sich erst einmal schlaugemacht, wer überhaupt schon wieder geöffnet hat, gilt es nicht nur die Maske einzupacken – damit zumindest kann ein mancher sich ästhetisch verbessern und so zum Gesamterlebnis beitragen -, sondern zuweilen auch, online ein Zeitfenster auszuwählen. Das gute daran: Obgleich signifikant weniger solvent, darf man sich (fast) jenem erlesenen Zirkel zugehörig fühlen, für den sich jede noch so kleine Galerie „und nach Vereinbarung“ auf Tür und Website schreibt (es wäre einmal interessant zu erfahren, wie häufig die Option sonst wahrgenommen wird). So auch im Falle einer der bekanntesten, reichsten, und gar noch besten Berliner Galerien, Sprüth Magers. Zum mehrere Tage im voraus gebuchten Termin angetreten, schaut jedoch – fast enttäuschend! - niemand genauer hin: Die Hallen sind leer und das muß genügen, müßig, noch Namen mit Listen abzugleichen, lieber gibt man sich entspannt und unhysterisch. Beide Ausstellungen am Hause wurden schon Anfang März eröffnet und inzwischen bis Ende Juni verlängert. Im Erdgeschoß sind das Werke Kara Walkers, ein langer Trickfilm der an chinesische Scherenschnitte in schwarz-weiß erinnert und mit Szenen von Sex und Gewalt an letzte inoffizielle Scharmützel, das heißt Übergriffe gegen vormalige Sklaven, in den amerikanischen Südstaaten nach Ende des Bürgerkriegs erinnert. Der große Saal nebenan bietet eine Wandvoll zugehöriger Zeichnungen im selben Stil. Vergangenheitsbewältigung aus Opferperspektive mit ein bißchen modischem Südstaatenbashing, das läßt sich kaum kritisieren, paßt perfekt in den zeitgeistigen Mainstream und verkauft sich wohl nicht nur in der hauseigenen Filiale in LA bestens. Rein filmisch betrachtet, war Vom Winde verweht aber auch nicht schlecht (oder die Dukes of Hazzard), just sayin’. (Ohne jetzt zu politisch zu werden: Man kann Gewalt verurteilen, ohne das mit totaler Gleichschaltung in Einigkeit zu verbinden, darf gar grundsätzlich jede Sezession im Sinne kultureller Konkurrenz – also wahrer Vielfalt – begrüßen.) „Hoch in den hellen Rahmen, Schau’ ich beim Schwager rein...” Ok, das war peinlich und kennt eh’ keiner mehr, jedenfalls finden sich im ersten Stock Pastellzeichnungen aus dem Spätwerk Richard Artschwagers, untypisch nicht allein im Medium. Willentlich naiv erinnern sie an den Schulkunstunterricht mit Buntstiften, bis sich beim Nähertreten die Überlegenheit des legendären Objektkünstlers zeigt. Grob abstrahierte amerikanische Landschaften in horizontalen Linien, fast flaggenhaft (kommt da Jasper Johns in den Sinn?), am Ende seines Lebens kehrte Artschwager in die Kindheit zurück, widmete sich ursprünglichen und ganz einfachen Dingen, Feldern, Pflanzen, Bäumen auf weitem Grund, das ist erfrischend, in Erinnerung und Kunstgeschichte wird er aber mit anderen Werken bleiben. Nebenbei fällt auf, daß man hier seine (oder etwa: „*ihre“?) Kommunikationsstrategie geändert hat, da man mit den Filialen in London und Los Angeles, den Handelsvertretungen in Köln und Hongkong (nur auf Vereinbarung) mindestens sehr nahe des Gipfels angelangt ist, und plötzlich voll auf Personenkult setzt: In allen Verlautbarungen bis hin zum SE optimierten Googleeintrag heißt es nicht mehr „(die Galerie) Sprüth Magers“, sondern ungleich komplizierter „Monika Sprüth und Philomene Magers präsentieren/freuen sich/etc. Neuentdeckte Eitelkeit oder hat ihnen ein PR-Berater verkauft, das zeuge von „Erdung“ und „persönlichem Engagement“ anstelle anonymen Großbetriebs? Bei den weiteren Vorbereitungen auf das ausgefallene Gallery Weekend erfuhr der Interessierte online, daß FeldbuschWiesnerRudolph nur freitags und samstags empfangen (und nach Vereinbarung). Fingers in Many Pies, „Finger in vielen Kuchen“, Anna Neros Ausstellungstitel klingt vielversprechend, fast subversiv – in der neuen Normalität lassen wir doch bitte alle Finger und sonstigen Organe in mindestens zwei Metern Abstand von fremden Kuchen. Diese läuft jedoch schon seit dem 13. März und steht mithin in keinerlei bewußtem Bezug zu „der aktuellen Situation“. Zum Teil arg phallisch, dann wieder sehr digital anmutende Tentakelträume in Skulptur und Malerei lassen in der ersten Einzelausstellung der jungen russischen Künstlerin noch Luft nach oben. Natürlich gehört sie in eine Galerie, und auch in eine gute vom Schlage FWRs, doch überkommt den Besucher das Gefühl, sie kann und sollte ihr Talent künftig noch besser nützen. Kaum hygienischer scheint die Berliner Luft bei Dittrich&Schlechtriem, dabei handelt es sich allerdings nicht um eine tatsächliche, also physische, Ausstellung, sondern um eine Videoserie der Galeriekünstler, deren Einzelwerke jeweils eine Woche lang auf den Webseiten der Galerie zu bewundern sind, gewissermaßen im Berliner Äther. À propos Internet: bei Michael Janssen las man da (zumindest bis vor kurzem noch): “Current exhibition: ANDERS KJELLESVIK, Breaking Rules Together, 10 March – 23 May 2020 Opening: Saturday 7 March 2020, 5–8 pm ... The gallery is temporarily closed due to Covid-19 circumstances, but we will possibly re-open this Friday 24th of April 2020.” - Wie jetzt, also doch kein „gemeinschaftliches Regelbrechen“? Nicht „in echt”, der will nur spielen, der Künstler, und ist im übrigen ganz brav „verantwortungsvoll“ (Unwort des Jahrzehnts)? Der vierundzwanzigste war aber auch schon vor einer Woche...

Grundsätzlich geht so mancher Gedanke dieser Tage gen Brüssel, zur Galerie Sorry, we’re closed - ob man nicht gut daran täte, „in der aktuellen Lage“ den Namen in „Surprise: We’re open“ zu ändern? Unseren Rundgang führen wir aber immer noch in Berlin fort und wechseln nur den Kiez: Die Potsdamer Straße, die schon eine ganze Weile nicht mehr schien was sie vor zwei Jahren noch war, läuft Gefahr, ihren Status als Galerien Hot Spot vollends zu verlieren, krisengeschüttelt nicht von frostigen Grippesymptomen, sondern auch und insbesondere, weil das dortige Flaggschiff Leck schlug. Es empfindet sich wie eine kleine Ewigkeit, ist aber nur wenige Wochen her, daß Blain Southern insolvenzbedingt die Fabriktore schloß, damit gezwungenermaßen ein letztes Mal Trendsetter war. Guido W. Baudach harrt hier noch aus, in einer der wenigen Nebenstraßen der „Potse“, in der gutbetuchten Sammlern und gar prekarisierten Künstlern (es ist eine billige Gegend) nicht auf Schritt und Tritt von jungen Damen südosteuropäischer Herkunft Sozialkontakte angetragen werden (wenige Meter weiter scheint jene Branche zur selben Zeit wie die Kunst ihre Geschäfte wiederaufgenommen zu haben). Auf den ersten Blick passen die Arbeiten Philipp Modersohns (kein –Becker) perfekt in die Zeit: Sind das da auf der Filmleinwand etwa keine Viren im Siegestaumel oder wenigstens Streptokokken? ...Doch nur ein Zigarettenstummel? ...Geknickter Betonpfeiler? Staubtierchen, Plankton? Die Musik ist klassisch, ihr Tanz choreographiert, doch, das muß Plankton sein, Muscheln und Korallen, da wir in bester Stummfilmtradition Dialoge lesen: „Wie war der Sturm?“ „Wo hat die Welle dich hingetrieben?“ (oder so ähnlich, Gedächtnisprotokoll). Im Vorraum ziert Plastik die Decke, es riecht auch danach und soll wohl auf den Meeresgrund versetzen. Die Skulpturen sind beeindruckend, Metallstrukturen - keine Anker, keine Riffe, irgendwo dazwischen -, bewachsen mit vielleicht Algen, auch Plastiktüten finden sich harmonisch eingebunden. Aber ist das überhaupt politisch korrekt? ->Plastik! Im Ozean!! ...!!1 Sollen wir nun etwa nicht die Ozeane ausfegen? Nein, natürlich nicht, beziehungsweise doch: das sollten wir und zwar dringend. Der Erklärungstext bietet eine solche leider nicht, stattdessen nur wenige Zeilen aus einer Kurzgeschichte, verschiedenen Materi- und Mineralien wird da der Prozeß gemacht: Wer hat schuld am Wetterbericht? Zumindest unser Urteil ist schnell gefällt: Versteckter Sinn und offene Ästhetik, eine verwirrende, damit herausfordernde und ergo umso gelungenere Ausstellung! Ungeahnte Parallelen entdecken wir an anderem Ort: carlier∣gebauer war eine der ersten Galerien, die den Hausarrest verließen. Hier zeigt man zunächst einmal drei Videos auf freischwebenden Leinwänden, ohne Symmetrie angeordnet und in keinem erkennbaren Zusammenhang miteinander stehend. Erstens: Rauchschwaden, im Dunkeln fallen Federn unter Wasser, Staubflocken vielleicht, Ratlosigkeit. Zweitens: Aus Vogelperspektive sehen wir ein Auto auf abgesperrter Fahrbahn Kreise (der Petrolhead spricht da von „Donuts“) ziehen – Olympische Ringe, oder doch nur die von Audi? Und wieder: ist das akzeptabel, in klimapokalyptischen Zeiten? Drittens: „Digital“ wirkende Bilder einer definitiv analogen Kamera samt Stativ, welche sich vor Meereshintergrund immerfort um die eigene Achse dreht. Im Nebenraum setzt sich das dann mit Aufnahmen einer aufwärts(!) tröpfelnden Kerze fort und auch hier: Ratlosigkeit. Dem halb frankophonen Charakter der Galerie geschuldet, zitieren wir im Geiste Brel, „on se croit mèche, on n’est que suif“, aber was möchte Sebastian Diaz Morales uns bloß mitteilen? „Staub“, sagt der Begleittext in vielen elaborierten Worten, sei sein Thema. Auf einem weiteren Bildschirm stellt sich das in Form eines Störbildes dar, nein: Asphalt in Großaufnahme, über den die Kamera dahinhuscht, Fahrspurbegrenzungslinien tauchen auf und wieder weg, als Bremsspuren zu Pseudo-Schriftzeichen werden. Da wir in den ersten Raum zurücktreten, erblicken wir auch die Rückseite jener Leinwand mit der „Wirbelkamera“ und darauf Trommeln in Nahaufnahme. Zu hören sind überall aber nur Motoren. Ist das nun mehr als „interessant“? Im dritten Ausstellungsraum warten noch neosurrealistisch anmutende Photographien Richard Mosses, psychedelische Organgalaxien oder organische Raumstationen, Pflanzen eventuell nicht under the influence, aber unter dem Mikroskop. Der Eindruck stimmt tatsächlich fast: UV-Licht-Photographien von Flora und Fauna in bedrohten Regenwäldern lautet die Lösung und das ist wirklich interessant, ohne Anführungsstriche. Letzte Station für heute: Konrad Fischer mit Thomas Schütte. Schon im Vorhof begrüßen den Besucher, der sich eiligst vor dem Regen in die frühere Fabrik retten will, zwei gigantische Skulpturen, ragen geschätzte fünf Meter in die Höhe. Gleich vor dem Duell blicken sich ein Flaggenträger und einer, der sein Gesicht in Händen hält, in die Augen, während beider Füße in Zement feststecken. Drinnen beginnt die großmeisterliche Werkschau eher verhalten mit einer Installation, die man despektierlich „Bowlingbahn“ aus Leuchttürmen oder Halmafiguren nennen möchte und Köpfen nach bewährtem Muster, in Keramik, (Murano-)Glas oder Bronze. Vielfarbige Gesichter ziehen die Schütte-Schippe in Messerschmidtscher Tradition, dann geht man von einem Werk zum anderen, sucht eventuell nach Einflüssen - drei Schrumpfköpfe auf einem Sockel mögen unter Bacon-Einfluß stehen, ein quitschoranger die Düsseldorfer Nachbarin Katharina Fritsch grüßen - und fühlt sich kaum je überrascht: natürlich ist das alles großartig, aber in gewisser Weise auch Routine (auf allerhöchstem Niveau). Auf der umlaufenden Empore sind gemalte Blätter wie Poster von Bluesgrößen zu bestaunen, Otis Redding vor blauem Hintergrund natürlich, nebst Obst und anderen Motiven. Die zweite Etage hat mehr zu bieten, hier schweben Blechengel – von Tauben konditioniert, duckt der Großstädter sich instinktiv weg - über klassischen Büsten, dazu kommt noch eine Aquarellserie. Alles Schütte™, große Kunst und krisenfeste Kapitalanlage in einer umfangreichen Ausstellung, Fanservice mit Werken aus über einem Jahrzehnt - man hat sozusagen einmal das Atelier/Lager ausgeschüttet. Unter anderen Umständen verhieße das wohl einen großen Zahltag, heuer waren die Hallen leer, wie schlimm es steht, erkennt man immer daran, daß ein Galerist sich am Eröffnungstag nicht im VIP-Bereich versteckt (bzw. dort festgehalten wird), das Dinner mußte bestimmt ausfallen – ist Schütte überhaupt angereist? Ohne jede Ironie gesprochen tut uns das leid, mag selbst für diese Galerie ein schwerer Schlag sein. Am Eingang stand ein Wachmann, drinnen ignorierten aber nicht bloß Schüttes Kreationen die Maskenpflicht. Überhaupt ein gutes Thema: Die Dinger sind sinnvoll und nicht allein, weil jeder Brillenträger, der mit durch sie bedingt beschlagenen Gläsern vor ein Auto läuft, die Sterberate erhöht und also die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen belegt (obduziert wird eher selten – alles Chinagrippe, was denn sonst). Und haben Sie keine Sorge, fassen Sie sich damit immerzu ins Gesicht: Keine Schmierinfektion (wohl der unkommunizierte Grund, warum man sich letztenendes doch zum Zwang durchrang). Es ist allerdings beachtlich, wieviele Mitmenschen, nota bene Entscheidungsträger und deren mediale Echos, sich überzeugt zeigen, der Virus fände seinen Weg in den Körper über Hautporen. Siehe die hanebüchene und fast schon pathologische Fixierung auf den Händedruck, bzw. dessen Unterbleiben, nicht zuletzt in der Diskussion um die Wiederaufnahme professioneller Sportunterhaltung für’s Fernsehen: Sich im Zweikampf um den Ball anzuspucken ist ok, solange die Beteiligten sich danach nicht die Hand geben... Plot Twist: Dem ist nicht so. Sie dürfen soviele Hände schütteln, wie Sie möchten und gar an sämtlichen UBahn-Haltegriffen entlanghangeln - solange nur die Finger nicht unmittelbar im Anschluß ihren Weg in Mund oder Nase finden (Popeln verboten!). Die Feststellung "Eine Tröpfcheninfektion geschieht über die Schleimhäute der Atemwege" ist ungefähr vergleichbar mit „Beim Küssen steckt man sich nicht mit AIDS an", qualifiziert den Sprecher aber wohl schon als „Verschwörungstheoretiker" ab. O tempora o mores (respektive morituri).

World of Arts Magazine – Contemporary Art Criticism


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